Denis Scheck im Interview: „Was will so ein Buch von der Welt?“

Recklinghausen Bei den Ruhrfestspielen trifft Denis Scheck auf Autoren mit Jahrhundertbiografien. Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, Stefan Troller, Louis Begley. Was Scheck sich von den Begegnungen verspricht, welche Literaten ihn aus seelischen Tiefs holen und wie er mit Anfeindungen umgeht, verriet er uns vorab im Interview.

  • Denis Scheck

    Denis Scheck. Foto: Henning Kaiser

Literatur zum Fremdschämen oder doch eher eine Bereicherung fürs Bücherregal? Wenn Literaturkritiker und Moderator Denis Scheck die Bellestristik-Top-Ten der Spiegel-Bestsellerliste in der ARD kommentiert, nimmt er gewöhnlich kein Blatt vor den Mund. Jetzt trifft der 54-Jährige in einer neuen Literatur-Reihe bei den Ruhrfestspielen auf drei Autoren mit Jahrhundertbiografien. So reist aus Berlin Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller an (6. Mai), aus Paris kommt der Filmemacher und Autor Georg Stefan Troller (14. Mai) und aus den USA der amerikanische Anwalt Louis Begley (25. Mai). Wir haben vorab mit ihm gesprochen:

Mit 13 haben Sie bereits Ihre erste eigene Literaturzeitschrift gegründet – woher das immense Interesse für Literatur in so jungen Jahren?
Bei jedem Fußballspieler oder Musikvirtuosen gehen Sie doch auch davon aus, dass der spätestens seit seinem sechsten Lebensjahr rund um die Uhr trainiert und ununterbrochen übt, weil er für seine Berufung brennt. Warum sollte das in der Literatur anders sein?

Heute sind Sie ein preisgekrönter Literaturkritiker und kommentieren etwa für die ARD die Spiegel-Bestsellerlisten. Wie muss ich mir Ihre Arbeit dabei vorstellen – haben Sie eine Art Checkliste, nach der Sie bei der Beurteilung vorgehen?

Das liefe ja auf eine Art Regelpoetik hinaus – Gott bewahre! Jedes Kunstwerk stellt die Regeln, nach denen es beurteilt werden möchte, selbst auf – und natürlich sind die im Fall eines Krimis andere als im Fall eines Kochbuchs oder eines Lyrikbands. Es gibt also nicht unabänderliche Maßstäbe, die ich an jedes Kunstwerk anlege. Aber ich frage mich schon, was so ein Buch von der Welt will, warum es geschrieben wurde und mit welchen stilistischen Mitteln der Autor operiert. Im Idealfall verändert die Lektüre meine Art, die Welt zu sehen. Kafka zum Beispiel gelingt dies ganz mühelos. Michel Houllebecq aber auch.

Haben Sie persönlich Lieblingsautoren, Lieblingssparten oder gar ein Lieblingswerk? Und wenn ja, woher rührt Ihre Begeisterung dafür?

Meine Lieblingsautoren wechseln, das ist ja ähnlich wie mit kulinarischen Vorlieben: wer will schon das ganze Jahr über Spargel essen? Aber Shakespeare, Carl Barks und Arno Schmidt holen mich verlässlich aus jedem seelischen Tief, von dem auch das Leben eines Literaturkritikers nicht verschont bleibt.

Nicht jedem dürfte Carl Barks auf Anhieb ein Begriff sein. Erklären Sie doch bitte Ihre Begeisterung für ihn.

Barks ist der amerikanische Zeichner und Texter der Entengeschichten um Donald Duck, der Figuren wie Onkel Dagobert, Daniel Düsentrieb oder Tick, Trick und Track erfunden hat. Durch das Zusammenwirken mit Dr. Erika Fuchs, die die deutschen Sprechblasen textete und die Entensprache sozusagen in das Stahlbad der deutschen Klassik legte, ist etwas ziemlich Einmaliges entstanden: eben die Welt von Entenhausen.

Ihr Job und damit Ihre Person sind nicht unumstritten. Elke Heidenreich etwa nannte Sie ein „hysterisches Rolltreppendickerchen“. In Internetforen liest man unter anderem, Sie seien zu abgehoben, hätten Autoren wie Sebastian Fitzek nicht verstanden. Wie gehen Sie damit um?

Zum Glück und zum Erhalt meines seelischen Gleichgewichts suche ich keine Internetforen auf, um herauszufinden, was irgendwelche Trolle über mein Verständnis der Gewaltpornographie eines troglodytischen Zeilenschinders wie Sebastian Fitzek halten. Ich verstehe mich ja nicht als Teil einer Alphabetisierungskampagne, sondern interessiere mich für jenen eher kleinen Teil unserer Drucksachen, die einen gewissen Kunstanspruch erheben. Wenn man das elitär nennen möchte, nur zu. Arno Schmidt sagte einmal, die meisten Deutschen kennten Kunst nur in Verbindung mit Dünger und Honig. Das ist jetzt bald siebzig Jahre her, aber immer noch wahr.

Bei Ihren Kritiken nehmen Sie kein Blatt vor den Mund – warum sollte Kritik immer so messerscharf sein?

Sie sollte vor allem nicht langweilig sein. Wenn darüber hinaus gelegentlich eine Erkenntnis aufblitzt, eine Denkbewegung sichtbar wird, ein Argument erscheint, ist das auch schön.

Weg von der Buchkritik steht jetzt eine neue Literaturreihe bei den Ruhrfestspielen an. Wie aufgeregt sind Sie, auf die drei Autoren mit Jahrhundertbiografien zu treffen?

Ich freue mich auf die Begegnung mit drei sehr spannenden, sehr unterschiedlichen Menschen, die eines gemeinsam haben: eine ungewöhnliche Sprachkraft und gestalterische Phantasie, mit denen sie den Zumutungen des 20. Jahrhunderts begegnet sind.

Ganze Jahrhundertbiografien sind etwas anderes als ein Buch – wie bereiten Sie sich darauf vor, und was erwarten Sie sich von den drei Begegnungen?

Der rote Faden der Biografie lädt natürlich zu einem Gespräch über die unterschiedlichen Lebensstationen und die Umstände ein, unter denen die Werke entstanden sind. Natürlich wird es um die Erfahrung von Gewalt gehen, des Ausgeliefertseins an totalitäre Strukturen, die damit verbundenen Traumata und wie man damit umgeht. Nicht zuletzt interessiert mich, wie man vor diesem Hintergrund seine Glücksfähigkeit bewahrt.
 
Karten für die Veranstaltungen der Ruhrfestspiele gibt es, soweit verfügbar, im RZ- und SZ-Ticketcenter oder unter der Hotline 02 09 / 14 77 999.
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ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    4. April 2019, 16:54 Uhr
    Aktualisiert:
    12. April 2019, 16:44 Uhr