Potenzial wird verunstaltet

05. Februar 2012 11:33

Leserbrief von Wilhelm Neurohr, Westviertel, zum Artikel "Viel Beton und wenig Ruhm" vom 4. Februar

In ihrem Bericht vom 4. Februar über „Aufstieg und Fall des Löhrhof-Centers“ erinnert die RZ an die Eröffnung des hässlichen „Betonklotzes“ vom September 1975. Das sahen allerdings die damals politisch Verantwortlichen völlig anders, wie im Archiv der RZ von damals nachzulesen ist: Sowohl der seinerzeit amtierende Oberbürgermeister Erich Wolfram als auch der verantwortliche Baudezernent Gerd Häckelmann – der sich viel auf seine künstlerische Zusatzausbildung zugute hielt – lobten bei der feierlichen Löhrhof-Eröffnung das Werk der Architekten als „Schokoladenseite der Stadt“, unter dem Beifall aller Ratsfraktionen und der Lokalpresse. Späterer Kritik an dieser Bausünde in der historischen Altstadt begegneten sie entschuldigend mit dem „damaligen Zeitgeist der 70er-Jahre“. Diesem Zeitgeist fielen auch ein Teil der historischen Stadtmauer und ein Stadtturm am Herzogswall zum Opfer, die der nächsten Bausünde weichen mussten: Die Stadt selber baute hier direkt gegenüber dem Engelsburg-Eingangsportal den hässlichen Klotz der Turnhalle des Petrinums. Und munter weiter ging es mit dem Abbruch zahlreicher denkmalwürdiger und stadtbildprägender Bauten in der gesamten historischen Altstadt noch bis Ende der 80er-Jahre unter falschverstandenem Modernisierungswahn. Einen eigenen Denkmalpfleger lehnte die Stadtverwaltung bis dahin noch ab. Erst das jahrelange zähe Bemühen des unermüdlichen Unterausschusses für Stadtbildpflege um Ingrid Kahe sowie das damalige Engagement des Heimatvereines und kritischer Bürgerinitiativen schufen allmählich ein Bewusstsein und eine Wertschätzung für die historische Altstadt, deren herausgeputzten Reste man heute in der Lichterwoche stolz anstrahlt. Um es klar zu sagen: Auch die „Arcaden“ als bloßer Konsumtempel gehören mit ihrem Maßstab nicht in die kleinteilige historische Altstadt. Und was in der fußläufigen Innenstadt weiterhin fehlt, sind Kunst-Skulpturen, Wasserspiele oder attraktive Sitzgelegenheiten, Verweilzonen und Grünflächen, wie in allen benachbarten Innenstädten ringsum zu besichtigen – sowie die Verlegung und Wiederbelebung des dahin dümpelnden Wochenmarktes vom öden Helene-Kuhlmann-Betonplatz mitten auf den Altstadtmarkt, dem Ursprung des Marktes und der Stadt, wie in allen anderen historischen Innenstädten als Attraktion (mit Umsatzsteigerung für die Markthändler). Auch im Umfeld etwa des Gründerzeit-Westviertels mit dem einstigen Gartenstadt-Charakter, den frühere Stadtbaumeister ihm verliehen, wüteten die Stadtplaner und Investoren mit unmaßstäblichen Bauten samt Baumfällungen. Selber gehörte ich vorneweg auch zu den geschmähten Kämpfern für den Erhalt des alten Knappschaftskrankenhauses, für das die Stadt zunächst die Abrisspläne unterstützte. Später schmückte sie sich dann mit einem überregionalen Architektur- und Denkmalspreis für die gelungene Gebäudesanierung. Solange in Recklinghausen keine Grundsatzdebatte über ein Gesamtkonzept der Stadtgestaltung geführt wird, solange die Planungshoheit faktisch an private Investoren vergeben wird und solange sich einseitig die Anhänger des Leitbildes einer Konsum- und autogerechten Stadt an der Verwaltungsspitze und im Rat durchsetzen – solange wird Recklinghausen sein städtebauliches Potenzial nicht nutzen, sondern verunstalten. Verräterisch ist alleine schon bei der „Vermarktung“ städtischer Baugrundstücke der bei der Stadtspitze Einzug eingehaltene Sprachjargon der Immobilienmarker, wenn von „gängigen Marktsegmenten“ oder „ gut verkäuflichen Filetstücken“ etc. die Rede ist – das hört sich fast nach „Ausverkauf der Stadt“ an.

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