Vadim ist als Krebspatient auf der Kinderstation im moldawischen Chisinau. Foto: Heinz Sünder
In den Armen hält Vadim ein rosarotes Stofftier – eine Erinnerung an sein Zuhause. Vadim hat Leukämie und er ist ein ganz besonderer Fall: Er kommt nämlich aus Transnistrien.
Transnistrien ist ein Staat im Staat Moldawien. Es ist aber gar kein Staat, sondern eine willkürliche Abspaltung von Moldawien. 1992 hat sich dieser Landstrich für unabhängig erklärt, hat Grenzen errichtet. Seitdem ist es ganz einfach eine Räubergegend, sie wird gestützt von russischen Soldaten, die dort stationiert sind.
Es wird regiert, als würde Stalin noch leben. Das meiste Geld verdient Transnistrien mit dem Flughafen Tiraspol. Von dort wird der Waffenschmuggel aus Russland und der Ukraine in die ganze Welt organisiert, ebenso der Drogen- und der Menschenhandel. In Transnistrien krank zu werden, ist schlimm. Als Kind in Transnistrien Krebs zu bekommen, ist schon fast ein Todesurteil.
Als wir Vadim besuchten, hatte er gerade eine Chemotherapie hinter sich. Er lag völlig apathisch in seinem Bett, konnte die Augen kaum offen halten. Er hat auch nicht mit uns geredet, nur hin und wieder gestöhnt. Dr. Oxana Harabadjiu ist seine Vertrauensperson, mit ihr redet das Kind, ihr vertraut sich Vadim an. Sie hat uns seine Geschichte erzählt.
Vadim lebt in einem Dorf, direkt an der Grenze zur Ukraine. Beide Eltern arbeiten. Die Mutter in der Landwirtschaft, der Vater ist Elektriker. Er und seine zwei Schwestern wurden von der Großmutter, der „Babuschka“, versorgt. Es war ein kleines, ein ärmliches, aber irgendwo auch gesichertes Leben. Der Junge ging gerne zur Schule. Am liebsten hatte er die Malstunden. Das hat ihm gefallen. Als Junge in einem transnistrischen Dorf, der lieber malt als Fußball oder Räuber spielt, da wird man schnell zum Außenseiter.
Das wurde er dann vollständig, als er krank wurde und im Dorf bekannt wurde: „Der Vadim hat Krebs.“ Er bekam Fieber in Schüben, wurde schwach, mochte nicht mehr spielen. Dr. Harabadjiu: „Die Menschen sind unaufgeklärt, voller Angst. Krebs, das ist ein Makel, eine Schande. Krebskranke werden ausgeschlossen von der Gemeinschaft.“
Zur Krankheit kam bei Vadim das Leiden der Vereinsamung. Wie soll ein kleiner Junge das auch verkraften: Krank zu sein, nicht zu wissen was es ist, immer nur das Getuschel der Erwachsenen, die Gespräche, die plötzlich verstummen, wenn er dazu kam und die Spielkameraden, die sich abwenden? Das Leben auf den Dörfern dort ist hart und Kinder können grausam sein.
Als es schon fast zu spät war, nahm ihn die Mutter, ging in der Nacht über die „Grenze“ zwischen Transnistrien und Moldawien und brachte Vadim nach Chisinau in die Kinderkrebsklinik. Sie ist bei ihm geblieben. Die Mütter dort gehen nicht nach Hause, wenn ihr Kind im Krankenhaus ist. Sie bleiben dort. Sie ist auch bei ihm, aber helfen kann sie ihm nicht. Sie kann ihn trösten, sie kann bei ihm sein, wenn die Schmerzen kommen, die Übelkeit, wenn er nach seinen Freunden und Geschwistern weint, aber richtig helfen kann sie ihm nicht.
Vadim ist immer ruhiger geworden. Er redet kaum noch. Es ist, als ob seine kleine Seele sich auf einen Abschied vorbereitet. Wenn er kann, wenn er die Kraft hat, dann malt er. Meistens sind es Bilder von zuhause. Von der Familie, von der Feldarbeit, vom Dorf. Jetzt, in der Therapie malt er nicht, da hat er keine Kraft, da dämmert er vor sich hin.
Als wir ihn besuchten, war seine Mutter gerade einkaufen gegangen. Flüsternd hat er die Doktorin gefragt: „Bringt die Mama Malsachen mit?“ „Ja“, hat Dr. Harabadjiu geantwortet, „die Mama bringt Malsachen mit.“ Dann hat er sich wieder auf die linke Seite gelegt – rechts ist die Kanüle für die Infusionen – sein rosarotes Tier an sich gedrückt und die Augen geschlossen. Vadim ist müde. Und das kommt nicht nur von der Chemotherapie.
Wir können in dieser Gegend des Elends und der Not die Verhältnisse nicht ändern. Wir können Banditen-Länder wie Transnistrien nicht auflösen, aber wir können etwas für die kranken Kinder auf der Krebsstation in Chisinau tun: Die Verhältnisse dort etwas verbessern, für ausreichend Medikamente sorgen, das Leben der kranken Kinder erleichtern, ebenso ihre Behandlung.
Das ist das Ziel unserer diesjährigen Weihnachtsaktion. Und wir bitten Sie, diese Aktion genau so tatkräftig zu unterstützen, wie Sie unsere Aktionen bisher unterstützt haben.


