Die Oma tröstet den kranken Stanislaw, auch sie muss weinen: »Warum hat uns so ein Unglück getroffen.« --Foto: sünder
Stas wohnt mit den Großeltern und seiner Mutter in Dubasarii Vedii, einem Dorf, etwa 60 Kilometer von Chisinau entfernt. An seinen Vater kann er sich nicht mehr erinnern, der ist seit Jahren verschwunden, untergetaucht in Moldawien. Vielleicht hat er sich auch nach Russland, in die Ukraine oder nach Rumänien abgesetzt. Geld schickt er auf jeden Fall keines.
Stas ist ein sehr einsames Kind. Den Kindergarten darf er nicht besuchen, Freunde kommen keine zu ihm. Es ist ein Problem, auf das wir fast immer stoßen: Die Menschen sind unaufgeklärt, abergläubisch. Und ein Kind das an einer Krebserkrankung leidet, wird automatisch ausgestoßen.
Als wir ihn besuchten, lag Stas im Bett, lutschte am Daumen und starrte in einen Fernseher, in dem kaum erkennbar irgendeine uralte amerikanische Serie lief. „Das macht er immer,“ sagte die Oma, „er will nicht raus. Er hat immer Angst und er weint. Wir müssen morgen nach Chisinau, da weint er heute schon. Was ist das alles für ein Unglück.“
Großmutter Agathia ist 57, da bekommt sie bald eine kleine Rente. Opa Wladislaw ist auch 57, er bekommt erst mit 62 eine Rente, gelegentlich hat er Arbeit. Die Mutter Monica ist 27, sie arbeitet auch gelegentlich. Für Stas bekommen sie 600 Lei im Monat, das sind 40 Euro. Aber nur unregelmäßig.
Sie haben einen Garten und ein paar Hühner. Wenn es kalt wird, dann ist das Heizen ein Problem. Die Großmutter: „Im Winter leben wir alle in der Küche. Ich, meine Tochter und unser Stas schlafen in unserem Bett. Mein Mann hat ein Bett draußen in einem Verschlag. Da muss er im Winter innen das Eis vom Fenster kratzen.“
Das sind die Verhältnisse, in denen der leukämiekranke Stanislaw gesund werden soll. Was nützt da die Behandlung in Chisinau? Nach langem Zureden ist der Kleine dann aus seinem Bett gekrochen, ist mit raus gegangen. Die Oma sagt uns: „Wenn wir mal ein bisschen Geld haben, dann wissen wir nicht, was wir zuerst kaufen sollen: Essen, Holz zum Heizen oder Medikamente. Kleider kriegen wir geschenkt.“ Sie essen jeden Tag Maisbrei, ein paar Früchte aus dem Garten, etwas Öl. Maisbrei ist nahrhaft, aber er führt zur Mangelernährung und ist gewiss keine Diät für ein leukämiekrankes Kind.
Draußen im Hof steht ein Plastikjeep für Stas: Das Tretauto fährt nicht mehr, es fällt auseinander, billiger chinesischer Schund. Aber seine Mutter hat drei Tage dafür gearbeitet. Hier hat der Satz „Sich etwas vom Munde absparen“ noch seine bittere Berechtigung. Stas hat sich dann doch noch hineingesetzt – und wieder angefangen zu weinen. Er ist vier Jahre alt, er ist todkrank, und irgendwie hat er schon begriffen, dass sein Leben nicht in Ordnung ist.
Oma Agathia hat ihn dann hochgenommen, ihn getröstet, so wie alle Omas dieser Welt weinende Enkel trösten. Dann hat sie sich so gedreht, dass wir sein Gesicht nicht mehr sehen konnten, seine Tränen. Und dann hat sie gesagt: „Was haben wir nur getan, dass so ein Unglück über uns gekommen ist. Warum muss mein Stas so leiden, warum kann ihm denn niemand helfen?“ Und dann sind auch ihr die Tränen über das Gesicht gelaufen.
Wir haben dann auf der Rückfahrt nicht viel geredet. So etwas muss man erst einmal verarbeiten. Und jetzt haben wir die Hoffnung, dass unsere Weihnachtsaktion ein Erfolg wird. Dass wir die Ärzte in der Onkologie unterstützen können, dass wird die Behandlung verbessern und auch die Nachbehandlung. Für einen Jungen wie Stas soll es auch Tage ohne Tränen geben.


