Marie auf dem Weg nach Südafrika: Unerwartet langer Zwischenhalt

Teil 2 Das Besondere einer jeden Reise sind meist die ungeplanten, überraschenden Wege und Momente, die man einschlägt oder erlebt. Dass ich aber gleich mit einem ganzen Haufen solcher überraschender Augenblicke meine Reise beginne – damit habe ich nicht gerechnet. Und noch viel weniger, dass sie mich erstaunlich nah an die Tower Bridge führen.

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    Nach Hause telefonieren? Nö, Marie hat in London kein Heimweh. Foto: Privat

Verspätung. Damit fängt alles an. Als ich am Flughafen einchecke, ist ziemlich schnell klar, dass der Flieger später kommen würde – aber das ist bei Reisen ja nicht unbedingt etwas Ungewöhnliches, sei es mit Bussen, Bahnen oder eben Flugzeugen. Und ein bisschen Warten gehört schon irgendwie dazu. Als ich dann aber endlich einsteigen darf, denke ich echt, es würde endlich losgehen: erst nach Heathrow und dann weiter nach Kapstadt.

Aber kaum sind alle Passagiere in der Maschine, geht es mit dem Warten weiter. Aufgrund eines Steinschlags müssen Ingenieure zuerst das Flugzeug kontrollieren. Der Pilot entschuldigt sich mit den Worten: „We have bad luck today“. Rückblickend kann man diesen Satz entweder als schlechtes Omen oder als witzige Ironie des Schicksals verstehen.

Denn nachdem wir dann doch irgendwann losfliegen und logischerweise auch wieder landen, heißt es: Wir haben wegen der Verspätung keinen Landeplatz und müssen noch etwas auf der Landebahn verweilen. Mit anderen Worten – ich verpasse meinen Anschlussflug.

Hotelreservierung inklusive Shuttleservice

Und dann geht das Abenteuer auch schon los. Anstatt in den nächsten Flieger zu steigen, erhalte ich in London mit einigen anderen Passagieren eine Hotelreservierung samt Shuttleservice und einen Ersatzflug genau 24 Stunden später. Der Koffer bleibt im Flugzeug, also bekommt jeder von uns zusätzlich ein kleines Paket zum Übernachten – mit Nachthemd und Zahnbürste und allem, was man so für eine Nacht braucht.

Statt in Kapstadt heißt es für mich also London, statt strahlendem Sonnenschein heißt es europäisches Herbstwetter. 24 Stunden nach meinem Abflug aus Deutschland bin ich weiter von meinem Ziel entfernt als zu Beginn meiner Reise. Das Gute daran: Ich habe fast 24 Stunden in London – genug Zeit für etwas Sightseeing. Und wer kann schon von sich behaupten, dass er sich total spontan den Big Ben angesehen hat?

Ich nutze also meinen Überraschungstag in London und fahre früh mit der U-Bahn in die Innenstadt, wandere durch kleine Gassen, gehe in ein Café und kann den Buckingham Palace und die Tower Bridge von ganz Nahem sehen. Aus meiner unfreiwilligen Verspätung wird so ein wunderschöner Sightseeing-Tag mit noch schönerem Wetter.

Am Abend geht es dann mit dem Elf-Stunden-Flug Richtung Süden – ein ziemlich unwirkliches Gefühl, wenn man nur Stunden vorher durch eine Stadt wie London gelaufen ist. Es fühlt sich dann auf eine gewisse Weise falsch an, als ob man aus einem Urlaub gerissen wird, obwohl man doch eigentlich genau dahin auf dem Weg ist. Auch ein erstaunlich überraschendes Gefühl, mit dem ich definitiv nicht gerechnet hätte!

Wenn man meine letzten 72 Stunden mit einem Wort beschreiben müsste, dann würde ich zwischen „überraschend“ und „abwechslungsreich“ schwanken. Ich habe so viele Eindrücke gewonnen und so viele unterschiedliche Dinge erlebt, dass sich meine Reise schon deutlich länger anfühlt. Und auch wenn ich gerade erst am Beginn meiner Reise stehe, so weiß ich schon jetzt, dass ich einfach aus allem das Beste machen muss – egal, was für Überraschungen noch auf meinem Weg liegen.

Oder wie man hier in Kapstadt sagt „stay positive“ – dann gibt es so etwas wie schlechte Omen nicht. Denn wenn aus einem verpassten Flug so ein schöner Tag werden kann, dann kann man aus allen ungeplanten Momenten etwas Besonderes machen. Und macht so was nicht auch ein Abenteuer aus?
Marie Dechêne (18, Recklinghausen) verbringt die nächsten sechs Monate in Kapstadt. Dort hilft sie im Rahmen des Freiwilligendienstes Rainbow-Garden-Village (RGV) für jeweils zwölf Wochen in Tageskliniken und in einem Special-Care-Center für geistig beeinträchtige Menschen. Bei Scenario erzählt sie von ihren Eindrücken.