Vollmers Enttäuschung - Vierter Super Bowl für Giants

06. Februar 2012 15:54

Indianapolis (dpa). Sebastian Vollmer war nach der Super-Bowl-Pleite völlig fertig mit den Nerven. Wie gelähmt stand der deutsche Right Tackle der New England Patriots nach dem unnötigen 17:21 (9:10) gegen die New York Giants mitten auf dem Spielfeld und schüttelte immer wieder ungläubig den Kopf.

Ende, aus, vorbei. «Es ist enttäuschend und nur schwer zu begreifen. Das sind viele Emotionen, die man verarbeiten muss», stammelte Vollmer. Der 27 Jahre alte Kraftklotz aus Kaarst hatte in Indianapolis die historische Chance verpasst, als erster Deutscher den begehrten Titel der National Football League (NFL) zu gewinnen.

Patriots-Quarterback Tom Brady musste von Ehefrau und Top-Model Gisele Bündchen mit einer innigen Umarmung getröstet werden. Auch Vollmer trottete nur langsam vom Feld und schlich Richtung Kabine. Die aufmunternden Worte nahm er kaum wahr. Vom Hallendach regnete es Konfetti, aus den Lautsprechern dröhnte der Queens-Hit «We are the champions», und die Giants feierten ausgelassen den vierten Super-Bowl-Triumph ihrer Vereinsgeschichte.

Wie im Endspiel 2008 war der Underdog aus New York zu stark für die favorisierten Patriots. Die Schlusspointe passte zur unglaublichen Comeback-Saison der Giants. Nie zuvor in der NFL-Geschichte war ein Team mit nur neun Siegen in der regulären Spielzeit Meister geworden. «World Champions Baby», tönte New Yorks Wide Receiver Hakeem Nicks. «Das ist das großartigste Gefühl der Welt, Mann», schrie Teamkollege Ahmad Bradshaw. Der Runningback hatte New York 64 Sekunden vor dem Ende mit einem Touchdown 21:17 in Führung gebracht und somit die Partie endgültig gedreht.

Dabei hatte es für Brady, Vollmer und Co. nach der imposanten Halbzeit-Show von Madonna vielversprechend ausgesehen. Die Patriots lagen nach einem Touchdown von Aaron Hernandez in der 34. Minute mit 17:9 vorn. Ihre Defensive spielte stark, in der Offensive brillierte Brady - auch wenn Vollmer in seinem ersten Super Bowl eine wechselhafte Partie zeigte. Vor dem Safety zum 0:2 ließ er seinen Gegenspieler laufen, wurde zunächst vom Feld genommen und fand erst später zu gewohnter Sicherheit.

Sein Fußbruch vom 27. November war zwar nicht komplett verheilt, dennoch bot Trainer Bill Belichick den einzigen deutschen NFL-Profi von Beginn an auf. Vollmers rechter Fuß war «noch nicht bei 100 Prozent, aber gut genug», um in der Offensiv-Abteilung der Patriots, die gegnerischen Verteidiger zu blocken, verriet der 2,03-Meter-Hüne vom Niederrhein.

Nach der zwischenzeitlichen Führung geriet New Englands Offensive jedoch ins Stocken. Die Giants kamen durch zwei Field Goals auf 15:17 heran, und bei vielen der 68 658 Fans im Stadion wurden unweigerlich Erinnerungen an 2008 wach. Damals hatten die Patriots gegen die Giants bis 35 Sekunden vor Schluss mit 14:10 geführt und letztlich mit 14:17 verloren.

Vollmer war trotzdem zuversichtlich, als er und die Offensive nach dem Bradshaw-Touchdown zur Giants-Führung ein letztes Mal das Spielfeld betraten. «Wir hatten noch eine Minute Zeit, sind davon ausgegangen, dass wir noch eine Chance haben. Solche Situationen trainieren wir fast täglich, jeder weiß, was zu tun ist», erzählte er hinterher. Doch das wussten New Yorks Verteidiger eben auch. «Es war ein harter Kampf und wir haben bis zuletzt alles gegeben. Aber die Giants haben einfach ihr Spiel gemacht, als es drauf ankam», meinte Brady, der unbedingt seinen vierten Super-Bowl-Ring nach 2002, 2004 und 2005 gewinnen und damit zu den legendären Joe Montana und Terry Bradshaw aufschließen wollte - vergeblich.

Der nervenstarke Giants-Quarterback Eli Manning entschied auch das zweite Finalduell mit Brady für sich - und wurde wie schon 2008 zum wertvollsten Spieler (MVP) des Finals gewählt. «Dieses Ende passt zu unserer Saison. Wir haben uns nie entmutigen lassen, haben immer an uns geglaubt und das ist der verdiente Lohn», analysierte Manning den zweiten Super-Bowl-Erfolg seiner Karriere. Bereits in der regulären Saison hatte er im Schlussviertel sechs Spiele noch gedreht.

Die Giants werden den Titel am Dienstag auf einer großen Parade in New York feiern. Deutschland muss indes weiter auf einen NFL-Champion warten. Vor Vollmer hatte bereits der Berliner Uwe von Schamann 1983 und 1985 die Finals mit den Miami Dolphins verloren. Vollmer will in den nächsten Wochen erst einmal abschalten, für einige Zeit nach Deutschland kommen und anschließend hochmotiviert die neue Saison angehen. «Wir spielen diesen Sport, um zu gewinnen. Jedes Jahr aufs neue.»

Sport-Blog von Olaf Krimpmann

Olaf Krimpmann

Ballaballa? Muss man nicht sein, um über Sport zu philosophieren. Manchmal hilft’s allerdings schon. Sportredakteur Olaf Krimpmann (41) jedenfalls liebt den Sport. So sehr, dass er sich sogar freiwillig in die Hallen und auf die Plätze bewegt. Dass dort nicht nur der Ball rund ist, sei schon jetzt verraten. Mehr zum Thema Bälle – große wie kleine – und Sport in all seiner Pracht gibt’s jedenfalls hier.

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