Wochenkommentar

Warum das Lockermachen noch schwer fällt

Vieles geht wieder: im Restaurant essen gehen, Shoppen ohne vorherigen Test, der Schulbetrieb läuft analog statt digital. Nach den Monaten des Lockdowns fühlt es sich noch ungewohnt an.
Jörn Tüffers ist Ressortleiter Ostvest. © privat

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht. Aber ich empfinde diese Lockerungsübungen als ziemlich ungewohnt. Wie schnell es doch gehen kann, dass man sich darauf einstellen kann, kaum andere Leute zu treffen, nicht Essen zu gehen, dem Sohn nicht am Rande des Sportplatzes beim Fußballspielen zuzuschauen und durch die verwaiste Innenstadt zu gehen.

Wohl gemerkt: Man kann ohne alle diese Dinge auch leben, daran gewöhnen mochte und mag ich mich nicht.

Dennoch: Die Fülle an Menschen, denen man infolge der zurückgenommenen Schutz- und Distanzmaßnahmen begegnet, zeigt ihre Wirkung. Ich jedenfalls verspüre noch kein gesteigertes Bedürfnis, mich in den Einkaufstrubel zu stürzen, zumal die Shorts und die Sneaker vom vergangenen Sommer immer noch vorzeigbar sind. Ich habe auch noch keinen Platz bei meinem Lieblings-Italiener reserviert, so sehr ich auch Appetit auf Leber in Salbeibutter habe und Zabaione habe. Und ich habe auch nicht den Drang, meine Freunde einzuladen, um meinen Geburtstag nachzufeiern.

Es ist ja nicht so, dass ich dem Braten nicht trauen würde. Ich bin Realist genug, um zu erkennen, dass Impfen, die Notbremse (an die sich die allermeisten verantwortungsbewussten Menschen gehalten haben) und nun auch das warme Sommerwetter den Inzidenzwert nach unten drückt. Aber irgendwie fühlt sich die neue Freiheit noch ein bisschen fremd an. Aber ich bin mir sicher: Das wird werden.

Was Baden-Württemberg für Deutschland ist, ist Waltrop für den Kreis Recklinghausen: das Muster-Ländle, besser: das Muster-Städtle (oder so ähnlich). Seit exakt einer Woche verharrt die Inzidenz bei 0! Das verdient Respekt. Denn es ist kein zufälliges Ergebnis, auch wenn es in den vergangenen Monaten dort wie anderswo hieß, dass es eine Vielzahl von Faktoren gebe, warum es so viele Erkrankte gab.

Wie keine andere Stadt im Kreis hat Waltrop dank seines tatkräftigen Ärztenetzwerks Strukturen zum Testen und dann fürs Impfen geschaffen. Das funktioniert natürlich nur dann, wenn die Menschen mitmachen. Und das haben die Waltroper Bürger definitiv getan. Da mag der ländlich geprägte Charakter der Stadt auch eine Rolle spielen, wo gegenseitige Rücksichtnahme kein Fremdwort ist. Denn irgendwie kennt ja jeder jeden.

Dass Waltrop zudem eine bessere Entwicklung aufweist als das ebenfalls beschauliche Haltern am See, das während der gesamten Pandemie lange Zeit die niedrigste Quote aufwies, kommt noch obendrauf. Auch Datteln steht nicht weit dahinter zurück – auch dort stabilisiert sich der Inzidenzwert im einstelligen Bereich. Oer-Erkenschwick wiederum hat dieses Level noch nicht erreicht, ist aber garantiert auch auf einem guten Weg.

Lassen Sie uns also weiter lockermachen – aber mit Bedacht!

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