Kinderklinik

Wenn Corona die Kinderseele attackiert

Während der Pandemie sind die Fallzahlen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie im zweistelligen Bereich gestiegen. Die Gründe für diese Entwicklung nennt die Chefärztin Dr. Claudia Sauer.
Chefärztin Dr. Claudia Sauer. © Wallkötter

Für die Medizinerin besteht kein Zweifel daran, dass sich die Folgen von Corona negativ auf die Psyche auch bei Kindern und Jugendlichen ausgewirkt haben. Kein normaler Schulunterricht, kaum Kontakt zu Freunden und Freundinnen, und zu Hause herrscht dicke Luft: Auch wenn Kinder und Jugendliche weniger stark als Erwachsene gefährdet sind, schwer an Covid zu erkranken, machte ihnen die Pandemie zu schaffen. Junge Menschen mussten in den vergangenen Monaten stark zurückstecken.

Kinderklinik hält die Abteilung offen

Ein Grund: Für Kinder ist ein Jahr, in dem die Welt stillsteht, relativ zum bisher gelebten Leben viel mehr als für Erwachsene. Fehlt in dieser Zeit etwas, reißt das bei ihnen zuweilen größere Lücken auf. Sowohl Kinder als auch Jugendliche, die sich noch in der Entwicklung befinden, brauchen den Kontakt zu Gleichaltrigen, beispielsweise um soziale Interaktion außerhalb der Familie zu lernen. „Die Corona-Isolation kann deshalb ihre Psyche belasten“, sagt Dr. Sauer, die seit zwei Jahren die Abteilung in der Kinderklinik leitet. 58 stationäre Plätze stehen dort zur Verfügung.

Im ersten Lockdown gab es viele Absagen

Zunächst aber gab es während des ersten Lockdown Einbrüche bei den Patientenzahlen, berichtet Dr. Claudia Sauer. „Es herrschte bei Patienten und Eltern eine hohe Unsicherheit.“ Eine Entwicklung, die auch in anderen Kliniken registriert wurde. Im stationären Bereich gab es zu Beginn der Pandemie rund 20 Prozent an Absagen. Im ambulanten Bereich war das noch deutlicher zu spüren, hier lag der Rückgang bei 50 bis 60 Prozent. Die Chefärztin ist froh, dass sich Klinikleitung dazu entschlossen hat, den Betrieb aufrechtzuerhalten. „Andere Einrichtungen in der Kinder und Jugendpsychiatrie haben wegen Corona damals nur noch eine Notfallversorgung angeboten.“

Der dann im weiteren Verlauf der Pandemie einsetzende Anstieg der Fallzahlen zeigte, dass die Entscheidung richtig war. Wobei die Entwicklung die Kinder- und Jugendpsychiatrie vor Probleme stellte. Denn im stationären Bereich konnten wegen der Corona-Regeln nicht mehr alle der 58 Betten angeboten werden, trotz steigender Fallzahlen.

Die Krankheitsverläufe werden schwerer

Nach Angaben der Medizinerin sind vor allem die Fälle von Depression und Angstzuständen gestiegen. Und die Verläufe der Krankheit seien schwerer geworden. Ein Grund dafür neben der häuslichen Isolation und dem Stress durch Homeschooling: Vielen Kindern und Jugendlichen fehlte gerade ein wichtiger Ausgleich: Sie machten weniger Sport als vor der Pandemie. „Sport ist ganz wesentlich für das psychische und physische Wohlbefinden. Neben der für die gesunde Entwicklung so wichtigen Bewegung treffen Kinder und Jugendliche beim Sport auch ihre Freundinnen und Freunde, lernen, sich in ein Team einzuordnen und mit Konflikten, Siegen und Niederlagen umzugehen“, erklärt Dr. Sauer.

Studie belegt psychische Belastung

Die Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen habe sich, wie die vieler Menschen während der Pandemie, stark verändert. Dass Kindern und Jugendlichen die Situation aufs Gemüt schlägt, ist auch offiziell belegt. Wissenschaftler aus Hamburg fragten in einer repräsentativen Onlineumfrage mehr als 1000 7- bis 17-Jährige aus ganz Deutschland, wie es ihnen geht. Das taten die Forscher der sogenannten „COPSY“-Studie (Corona und Psyche) einmal zu Beginn der Pandemie im Mai und Juni 2020 und noch einmal während der zweiten Welle im Dezember 2020 und Januar 2021. Die Ergebnisse verglichen sie mit ähnlichen Daten von 2017 und 2018. Berichteten vor Corona 15 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen von einer geminderten Lebensqualität, fühlten sich im Sommer 2020 ganze 40 Prozent unwohl. In der zweiten Welle stieg die Zahl noch einmal leicht auf 48 Prozent.

Hotline eingerichtet

Die Corona-Pandemie beeinflusst das Leben und die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auf besondere Art und Weise. Eltern, die sich Sorgen um ihr Kind machen und Fragen haben, können in der offenen Telefonsprechstunde der Kinder- und Jugendpsychiatrie, die extra wegen Corona eingerichtet wurde, Rat suchen. Die offene Corona-Sprechstunde ist mittwochs von 13 bis 14.30 Uhr. Sie ist kostenlos und ohne Voranmeldung. Eltern können sich einfach telefonisch unter Tel. 02363/975-450 im Sekretariat der Kinder- und Jugendpsychiatrie melden und werden dann mit einem Arzt verbunden.

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