Pfarrer Karl Henschel

„Die Geburt von etwas Neuem trägt durch Tiefen und Katastrophen“

Niemand begreift die Weihnachtsbotschaft besser als die, denen an diesem Fest die Tränen kommen, deren Kraft am Ende ist, die vor lauter Zweifel nicht mehr glauben können. Ein Beitrag von Pfarrer Karl Henschel.
Pfarrer Karl Henschel schickt unseren Leserinnen und Lesern einen besonderen Weihnachtsgruß. © Jürgen Wolter

Weihnachten 2021 – anders als im letzten Jahr sind wir nicht im Lockdown, müssen aber mit Einschränkungen leben. Manches ist Routine geworden, anderes ist uns immer noch lästig. Doch sie sollen helfen, damit Ansteckungen geringer werden, Krankenhäuser im Normalbetrieb bleiben, weniger Menschen an Corona sterben. Dafür kann man Einschränkungen auf sich nehmen.

Wie sieht Hoffnung in diesen Tagen aus? Reicht es, auf die Wiederholung des kindlichen Weihnachtszaubers zu setzen?

Die Bibel kennt mehr weihnachtliche Texte als die bekannte Geschichte aus dem Lukasevangelium. Beim Propheten Micha heißt es: „Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei… Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat…Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. Und er wird der Friede sein.“

Was uns Menschen niederdrückt, was uns schwer auf dem Herzen liegt – das wird bei Jesus nicht ausgeblendet. Er versteht unsere Trauer und unser Leid – weil er genau dort hinein geboren wurde. Niemand begreift die Weihnachtsbotschaft besser als die, denen an diesem Fest die Tränen kommen, deren Kraft am Ende ist, die vor lauter Zweifel nicht mehr glauben können. „Indes lässt er sie plagen“, schreibt Micha. Die Bibel erinnert uns: Krise ist ein „Normalzustand.“ Frieden und Wohlstand sind im Fluss der Menschheitsgeschichte kurze Abschnitte, kleine Inseln. Um das Leben bestehen zu können, ist es notwendig, dass bedrückende Alltagserfahrungen offen werden für Visionen vom gelingenden Leben.

„Die Geburt Jesu auf den Hirtenfeldern von Bethlehem ist der Anker in dieser Zeit.“

Pfarrer Karl Henschel

Können wir erwarten, aus biblischen Texten Hoffnung für heute zu erhalten? Für viele meiner Generation, aufgewachsen im Wohlstand der Bundesrepublik und beflügelt durch die Erfahrung des zeitweisen Endes des Ost-West-Konfliktes, schienen Gerechtigkeit und Frieden greifbar nahe. Nun treffen uns Klimakatastrophe und Pandemie umso härter. Wer wollte da nicht verzweifeln?

In diesem Jahr hatten viele Menschen ihre Hoffnung auf die Impfung gesetzt: Dann werden wir wieder zum „normalen“ Leben zurückkehren können. Am Ende des Jahres wird dies fraglicher. Und für Menschen in anderen Ländern bleiben Armut, Krieg und Diktatur weiter eine bedrückende Realität.

Im prophetischen Weihnachtsevangelium erwartet Micha die Geburt von etwas Neuem, von jemand Unscheinbaren, verhalten, fürsorglich, friedlich.

Solche Bilder und Erzählungen sind es, die Menschen durchgetragen haben durch Tiefen und Katastrophen, Gegenbilder zu eigenen Erfahrungen. Die Geburt Jesu auf den Hirtenfeldern von Bethlehem ist der Anker in der Zeit, der die Tyrannei des Kindermörders Herodes durchstehen hilft; die den Ort benennt, von dem aus sich der Friede des Messias verbreiten wird.

Welche Erfahrungen lassen uns an Weihnachten die Hoffnung hochhalten und die Verzweiflung eindämmen? Mit der Geburt Jesu erfüllt sich die Verheißung. Und sie erfüllt sich immer wieder neu, wo ein Mensch diesem Jesus begegnet und erlebt, was es heißt: Bei ihm kann ich sicher wohnen. Er ist mein Friede. Und er will, dass auch ich ganz konkret Frieden stifte.

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