Interview mit Hertener Musikschul-Leiterin

Es klingt wieder aus allen Räumen

Seitdem das Virus nicht mehr die erste Geige spielt, läuft der Präsenzunterricht in der Musikschule wieder normal. Die Musikvermittlung hat sogar nachhaltig von der Pandemie profitiert.
Sabine Fiebig-Fechtner am Riesen-Kontrabass, der die Besucher der Städtischen Musikschule am Eingang empfängt. © Jörg Gutzeit

Den 15. März 2020 wird Sabine Fiebig-Fechtner nie vergessen. Es war der Tag, als von jetzt auf gleich nichts mehr ging. „Wir waren mitten in der Vorbereitung für das Abschlusskonzert des Projektes ,Musik baut Brücken‘ im Glashaus, als das Coronavirus plötzlich die Stopptaste drückte.“ Im Interview erklärt die Leiterin der Musikschule unter anderem, wie ihre Einrichtung durch die Pandemie gekommen ist, was die Musikpädagogen vom Virus gelernt haben und ob es ein Mittel gegen das „faule Fieber“ beim Üben gibt.

Sabine Fiebig-Fechtner leitet die Musikschule Herten seit 1993.
Sabine Fiebig-Fechtner leitet die Musikschule Herten seit 1993. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Wie haben Sie reagiert, als es von heute auf morgen plötzlich still in der Musikschule wurde?

Mein Stellvertreter, unser pädagogischer Leiter Sascha Schiefer, und ich wollten keine Zeit vergehen lassen und sind sofort aktiv geworden. Wir haben noch am selben Tag per Handy einen Film gedreht, um unsere Schülerinnen und Schüler zu erreichen. Die Kontaktaufnahme, auch mit den Eltern, war uns immens wichtig.

Wie ging es dann weiter?

Wir haben dann schnell die Digitalisierung angekurbelt. Wir hatten dank einer Förderung durch das Land NRW schon vorher zehn Ipads, haben unsere Lehrkräfte daran geschult, Konzepte entwickelt, kleine Videos für den Online-Unterricht erstellt. So wurden wir schnell immer professioneller. Für die musikalische Früherziehung haben wir dann unsere Lucy-Handpuppe als „Moderatorin“ reaktiviert, die schon vor Jahren bei den Musik-Bambinis zum Einsatz gekommen ist.

Wurde der Online-Unterricht gut angenommen?

Super sogar, wir haben in Spitzenzeiten 92 Prozent der Schülerinnen und Schüler erreicht, unser ältester Online-Schüler war 89 Jahre alt. Alle Kinder, die nicht die Möglichkeit hatten, uns in digitaler Form zu folgen, wurden per Post mit Materialien versorgt. Außerdem haben wir Sprechzeiten eingerichtet, denn es gibt in einer solchen Ausnahmesituation nichts Wichtigeres als: Kontakt, Kontakt, Kontakt. Einige Schüler, vor allem die älteren Semester, haben auch pausiert. Nur ganz wenige haben wir durch die Coronazeit verloren.

Schülerzahlen nur leicht rückgängig

Seit dem Umzug vom Schlosspark im Jahre 2014 ist die Hertener Musikschule im Anbau des Städtischen Gymnasiums an der Konrad-Adenauer-Straße 23 beheimatet. Neben den Souterrainräumen des Gymnasiums ist die städtische Einrichtung auch mit Angeboten in der Freizeit- und Begegnungsstätte Westerholt vertreten.

In der Pandemie sind die Schülerzahlen in der Musikschule relativ konstant geblieben. 1886 (2020: 1941) Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Alter von zwei bis 90 Jahren wurden in 2021 von 21 Lehrkräften, darunter einige in Teilzeit, unterrichtet.

  • Beispiel-Entgelte: Musikalische Frühförderung: 20 Euro pro Monat; Einzel-Instrumentalunterricht: 55 bzw. 60 Euro/Monat (30 Minuten für Kinder bzw. Erwachsene pro Woche); 3er-Gruppenunterricht: 35 bzw. 44 Euro/Monat (45 Minuten für Kinder bzw. Erwachsene pro Woche).
  • Infos: 0 23 66/303 517, E-Mail: musikschule@herten.de, www.herten.de/musikschule

Auch die Jekits-Werbung lief online, wie hat das funktioniert?

Hervorragend, denn am Ende hatten wir mehr Anmeldungen als in 2020. Den Film mit der Instrumentenvorstellung konnten Eltern und Grundschüler auf der Homepage der Stadt abrufen. Beim digitalen Jekitstag für Eltern, Schüler und Tandemlehrer haben sich die Lehrkräfte vorgestellt. Und jetzt freuen wir uns, dass Jekits (Jedem Kind ein Instrument, Tanzen, Singen) ab diesem Schuljahr wieder vierjährig läuft – mit 776 kleinen Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Inzwischen findet der Unterricht wieder in vollem Umfang in Präsenzform statt?

Ja, aktuell planen wir sogar wieder Auftritte der Musikschüler in Senioren- und Pflegeeinrichtungen etc. Trotzdem möchten wir unseren Raum mit dem digitalen Equipment nicht mehr missen. Heute können wir jederzeit in das Hybrid-Modell wechseln. Und wir werden die Online-Angebote in Einzelfällen auch weiter nutzen: Für Menschen im Wechseldienst oder in anderen Ausnahmefällen kann der Unterricht so kontinuierlich weiterlaufen.

Auch unabhängig von der Pandemie ist die Arbeit der Musikschule im Wandel. Andere Einrichtungen stellen sich mit spartenübergreifenden Angeboten breiter auf. Ihre Meinung zu diesem Weg?

Musikschularbeit ist für mich und mein Team in erster Linie Breitenarbeit. Musik ist ein Element, das jeden Menschen anspricht und berührt – und Kontakte vermitteln kann, denn über die Musik entsteht sehr schnell Vertrauen. Es geht bei uns nicht nur um die Wissensvermittlung, sondern auch um die menschliche Komponente. Diese wichtige Arbeit haben wir gerade in der schweren Pandemiezeit ganz stark erlebt. Besonders die älteren Schüler waren sehr dankbar, durch uns auch ein Stück weit aus der Einsamkeit geholt zu werden. Aber auch mit Blick auf die Diversität der Bürgerschaft möchten wir eine Bildungseinrichtung für alle anbieten. Für Menschen mit Handicap, mit interkulturellem Hintergrund, für Jung und Alt… Unsere Band für Senioren und unsere Tischharfengruppe kommt sehr gut bei der älteren Generation an. Seit 2015 legen wir einen Fokus auf geflüchtete Schülerinnen und Schüler, unterrichten auch die Internationale Klasse am benachbarten Gymnasium mit. Sprachförderung durch Musik ist für kleine Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund enorm effektiv. Und natürlich bieten wir Jekits auch in Förderschulen an. Über Projektangebote machen wir auch Ausflüge in andere Sparten, aber die Musikbildung ist und bleibt unsere Kernkompetenz.

Wenn Sabine Fiebig-Fechtner im November 2023 in den Ruhestand wechselt, war sie 40 Jahre an der Hertener Musikschule.
Wenn Sabine Fiebig-Fechtner im November 2023 in den Ruhestand wechselt, war sie 40 Jahre an der Hertener Musikschule. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Herten ist auch für seine hervorragende Exzellenzförderung bekannt. Bei „Jugend musiziert“ gibt es immer erfolgreiche Kandidaten von Ihrer Musikschule.

Darauf sind wir sehr stolz, es bedarf guter Lehrkräfte, um Talente zu erkennen und so zu fördern, dass sie den Druck des Wettbewerbs auch wollen und ihm standhalten. In diesem Jahr hatten wir trotz erschwerter Vorbereitung durch die Pandemie gleich drei Bundespreisträger, alle mit der Querflöte. Einer der Preisträger ist erst Ende 2016 mit seinen Eltern aus Aserbaidschan nach Herten gekommen.

Bei vielen scheitert der Musikschulbesuch aber auch an den Kosten.

Diese Erfahrungen haben wir hier in Herten nicht gemacht. Zumal es die Aufgabe gerade einer kommunalen Musikschule ist, finanzschwachen Familien und deren Kindern musikalische Bildung zu ermöglichen: zum Beispiel mithilfe der Ermäßigungen durch den Herten-Pass. Auch in der Gruppe reduzieren sich die Kosten. Denn in der Musikschule geht es ja auch um das gemeinsame Musizieren: in Ensembles, im Chor oder Bands. Die Schüler erlernen nicht nur ein Instrument, auch die Sozialkompetenz wird gefördert: Rücksichtnahme, sich anpassen, selbstbewusst vor einer Gruppe zu sein – all diese Dinge werden trainiert.

Springt der Förderverein nicht in Einzelfällen ein?

Ja, der Förderverein der Musikschule übernimmt Patenschaften, sodass sich Kosten reduzieren oder komplett wegfallen. Auch sehr begabte Schüler werden in schwierigen Situationen finanziell unterstützt.

Was raten Sie, wenn Kinder am „faulen Fieber“ beim Üben erkranken?

Ich hatte früher auch nicht immer Lust zu üben. Üben bedeutet: Disziplin, durchhalten und mit Frustration umgehen lernen. Jeder hat mal einen Hänger. Es macht nicht immer alles nur Spaß im Leben. Man muss das Tief überstehen. Kinder brauchen in solchen Phasen Unterstützung von den Eltern, sie brauchen Vorbilder. Wir bieten gerne Hilfestellungen für Eltern an. Manchmal ist auch deren Erwartungshaltung zu groß und sie machen den Kindern unbewusst Stress. Die Elternarbeit ist ganz wichtig für die musikpädagogische Entwicklung der Kinder.

Schlosskonzerte sollen auch das Klassikpublikum von morgen locken.

  • Sabine Fiebig-Fechtner (63) leitet die Städtische Musikschule Herten seit 1993. Die Recklinghäuserin hatte zehn Jahre zuvor, nach dem Studium der Instrumentalpädagogik (Klavier und Oboe) in Münster und Düsseldorf, ihre erste feste Stelle in der Hertener Einrichtung angetreten. Neben den Schwerpunkten Instrumentalunterricht und Frühförderung baute sie seinerzeit unter dem damaligen Leiter Werner Heimlich den dezentralen Standort der Musikschule im Bürgerhaus Süd auf.
  • Als große Liebhaberin der Klassik hat Sabine Fiebig-Fechtner vor vier Jahren das erfolgreiche Format der Schlosskonzerte weiterentwickelt. Um hier in der ersten Liga mitspielen zu können, ist die Reihe mit namhaften Solisten auf vier Konzerte pro Jahr begrenzt. Ein Künstlergespräch mit Moderatorin bildet den Abschluss der Kooperationsveranstaltungen mit dem WDR3. Um das Konzertpublikum von morgen zu aktivieren und den Kleinsten Lust auf Klassik zu machen, haben Kinder bis 14 Jahre freien Eintritt.
  • Privat hört die Mutter einer erwachsenen Tochter neben den Romantikern gerne Barockmusik („Mit Barock-Konzerten habe ich mir mein Studium finanziert.“), liebt Chopins Klaviermusik („Keiner bringt die Farben so zum Leuchten.“), und schätzt die „unglaublich strukturierten Bach-Kompositionen“. Je nach Stimmung läuft bei ihr auch Soul- und Popmusik.
  • Wenn Sabine Fiebig-Fechtner am 1.11.2023 in den Ruhestand wechselt, war sie 40 Jahre in der Hertener Einrichtung. Dann will die engagierte Leiterin endlich wieder selbst Oboenunterricht nehmen und eine Ausbildung zur Musik-Geragorin machen, sprich sich um die musikalische Bildung für Senioren kümmern und ihnen so ein schönes Lebensgefühl bereiten. „Auch mein Vater hat in seinem letzten Lebensabschnitt sehr von der Musik profitiert.“

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