Telefonaktion des Medienhauses Bauer

Arthrose: Nicht auf die leichte Schulter nehmen

Der Gelenkersatz hat sich zu einer innovativen Therapieoption bei fortgeschrittener Arthrose in Hüfte, Knie und Schulter etabliert. Rechtzeitig erkannt kann viel für die Gelenke getan werden, sogar ohne Operation. Was die Experten des Hertener St. Elisabeth-Hospitals unseren Anrufern geraten haben:
Treten Schulterschmerzen auf, kann das ein Hinweis auf Arthrose sein. Frühzeitig erkannt können konservative Therapien helfen ohne dass es zu künstlichem Gelenkersatz kommen muss. © dpa

Wenn es in den großen Gelenken – Knie, Hüfte und Schulter – knirscht und knackt, horchen viele Betroffene auf. Die Angst vor einem künstlichen Gelenk ist häufig groß. Und noch mehr sorgt die Anrufer, dass ihnen aufgrund von Bewegungseinschränkungen und Schmerzen Lebensqualität verloren geht. Die jüngste Telefonaktion des Medienhauses Bauer widmete sich deshalb voll und ganz der Arthrose aus medizinischer Sicht – gleich vier Experten der Orthopädie des Hertener St. Elisabeth-Hospitals, die Oberärzte Florian Stiepeldey, Marcin Kucharczyk und Dr. Otilia Iorga-Füstös sowie Chefarzt Prof. Dr. Ralf H. Wittenberg, standen Rede und Antwort. Nach Kniegelenk (wir berichteten bereits ausführlich) und Wirbelsäule rangieren demnach Schulterschmerzen auf Platz 3 aller Knochenprobleme.

Worum handelt es sich bei der Schultergelenksarthrose genau?

Bei der Schultergelenksarthrose handelt es sich um einen fortschreitenden Gelenkverschleiß zwischen dem Oberarmkopf und Schultergelenkspfanne. Man unterscheidet eine primäre Schultergelenksarthrose, den so genannten schicksalhaften Verschleiß, von einer sekundären Schultergelenksarthrose etwa nach einem Knochenbruch oder bei Rheumapatienten. Patienten berichten in der Regel von einem zunehmendem Ruhe- und Bewegungsschmerz. Das Ausmaß der Beweglichkeit des Schultergelenks nimmt im Verlauf der Erkrankung ab, wobei insbesondere die Drehbewegungen und das Überkopfheben besonders erschwert sind.

Wie lässt sich eine Schulterarthrose wirkungsvoll behandeln? Muss es immer sofort eine Operation sein?

Im Anfangsstadium sollten die konservativen Therapiemöglichkeiten mit krankengymnastischen Übungsbehandlungen sowie einer schmerzlindernden und entzündungshemmenden Medikation ausgeschöpft werden. Bei stärkeren Beschwerden und mit zunehmender Einschränkung der Beweglichkeit ist die operative Therapie mit Implantation eines partiellen oder vollen künstlichen Gelenkersatzes angezeigt.

Wenn Betroffene um eine Operation nicht mehr herum kommen, weil der Leidensdruck zu groß ist, was ist dann Standard?

Bei noch gut erhaltener Oberarmkopfstruktur sowie gutem Zustand der Sehnen erfolgt die Implantation einer sogenannten Schulterkappe. Dabei wird der Oberarmkopf von einer künstlichen Krone überzogen und so die zerstörte Gelenkfläche ersetzt. Bei starker Zerstörung des Oberarmkopfes erfolgt die Implantation einer Stielprothese. Der Stiel wird im Oberarmschaft, je nach Knochensituation entweder zementfrei oder zementiert, eingesetzt. Je nach Zustand der Gelenkpfanne kann auch ein künstlicher Ersatz helfen.

Mir wurde eine Inverse Schulterprothese empfohlen. Wie belastend ist der Eingriff?

Bei zerstörter Muskel-Sehnen-Kappe bei alten Patienten kann die Implantation einer sogenannten „Inversen Schulterprothese“ sinnvoll sein. Nach der OP bestehen kurzzeitig Einschränkungen der erlaubten Bewegungen. So sollten die Drehung nach Außen sowie das Überkopfheben für sechs Wochen vermieden werden. Anschließend erfolgt die Kräftigung der Schultermuskulatur. Die Patienten sind danach in der Regel beschwerdefrei. Das Ausmaß der Beweglichkeit kann dabei individuell variieren. Oft sind auch Überkopfhebungen wieder möglich.

Das Hüftgelenk ist nach dem Kniegelenk das zweitgrößte Gelenk des Körpers. Auch das sollten wir an dieser Stelle nicht vergessen. Warum kommt es im Alter häufig zu Hüftarthrose?

Das Hüftgelenk erlaubt als sogenanntes Kugelgelenk prinzipiell Bewegungen in allen Richtungen. Und damit ist es an den meisten Bewegungen beteiligt. Doch die Beanspruchung sorgt auch für Verschleiß. So wird das Hüftgelenk von stabilisierenden Strukturen wie Muskulatur, Gelenkkapsel und Bänder umfasst. Sie limitieren gleichzeitig aber auch die Beweglichkeit.

Als Bindeglied zwischen dem Oberkörper und den Beinen hat die Hüfte entwicklungsgeschichtlich herausragende Bedeutung für den aufrechten Gang. Vielleicht ein Wort zur Anatomie dazu?

Aufgebaut ist das Gelenk aus dem kugelförmigen Ende des Oberschenkelknochens und der Pfanne, die vom Beckenknochen gebildet wird. Die beiden Oberflächen der Gelenkpartner sind mit Knorpel überzogen, um ein besseres Gleiten zu gewährleisten. Zwischen diesen beiden Knorpelschichten ist der sogenannte Gelenkspalt, der mit einer Schmierflüssigkeit aufgefüllt ist, die wiederum die Gleitfähigkeit nochmals verbessert und für die Ernährung des Knorpels sorgt. Wird dieses System gestört, sei es durch äußere oder innere negative Einflüsse, so kommt es zu einer zunehmenden Schädigung der Gelenkpartner, und es entwickelt sich die sogenannte Hüftgelenkarthrose.

Gibt es auch hier, ähnlich wie bei der Schulter, Unterscheidungen?

Man unterscheidet auch dabei die primäre, schicksalhafte von der sekundären Form, deren Ursache angeborene Fehlbildungen, Dysplasie genannt, unfallbedingte Fehlstellungen oder auch Stoffwechselstörungen wie Rheuma sein können. Allen gemeinsam ist aber stets der Aufbrauch des Knorpels mit einer zwangsläufig nachfolgenden Überbeanspruchung des Hüftkopfknochens.

Es ist aber nicht grundsätzlich der Verschleiß des Knorpels Grund für Schmerzen in der Hüfte?

Nein, darüber hinaus kann auch der eigentliche Hüftkopfknochen für Schmerzen im Hüftgelenk verantwortlich sein, wenn dieser abstirbt. Dann spricht man von einer Hüftkopfnekrose. Auch wenn man bei der Entstehung der Hüftkopfnekrose von einer Durchblutungsstörung ausgeht, ist die Ursache noch nicht letztlich geklärt. Allerdings gibt es Erkrankungen, die häufig mit der Entstehung einer Hüftkopfnekrose in Verbindung gebracht werden, wie etwa Störungen des Fettstoffwechsels, Autoimmunerkrankungen oder der Zustand nach einem Hüftkopfbruch. Auch ist bekannt, dass Hüftkopfnekrosen nach längeren Therapien mit Kortison oder Chemotherapeutika im Rahmen einer Krebsbehandlung auftreten können. Zudem stellen übermäßiger Alkohol- und Nikotinkonsum Risikofaktoren für die Entstehung einer Hüftkopfnekrose dar.

Wie wird denn eine Hüftgelenksarthrose oder eine Hüftkopfnekrose festgestellt?

Die Diagnose einer Hüftgelenksarthrose und einer Hüftkopfnekrose erfolgt per Röntgenaufnahmen. Auch kann eine Schnittbilduntersuchung mittels MRT sinnvoll sein, um eine beginnende Hüftkopfnekrose frühzeitig zu erkennen, die auf Röntgenbildern noch nicht sichtbar ist.

Bei mir wurde eine Hüftgelenksarthrose diagnostiziert, obwohl ich die Schmerzen ausschließlich im Knie habe. Kann das sein?

Zu Beginn einer Hüftgelenkarthrose stehen Schmerzen, insbesondere im Bereich der Leiste, im Vordergrund. Die Schmerzen können aber auch über den Oberschenkel bis in das Knie ausstrahlen und somit einen Knieschaden vortäuschen. Sie treten zunächst als morgendlicher Anlaufschmerz auf, der nach einer Einlaufphase wieder verschwindet und sich abends, nach entsprechender körperlicher Belastung, wieder einstellt.

Welche Symptome sollte ich noch ernst nehmen?

Oft ist der Nachtschlaf gestört. Im Weiteren kommt es dann zu permanenten Schmerzen, verbunden mit Bewegungseinschränkungen, sodass zunehmend die Alltagsmobilität eingeschränkt ist. So ist etwa häufig das An- und Ausziehen der Schuhe und später auch der restlichen Bekleidung nicht mehr möglich oder zumindest erschwert. Schlimmstenfalls können diese Einschränkungen in einer sozialen Isolation münden, wenn Betroffene die häusliche Umgebung nicht mehr verlassen können. Unabhängig davon kommt es als Folge der Schmerzen und Bewegungseinschränkungen im Verlauf zu einer Überlastung der angrenzenden Knochen-Gelenkstrukturen wie Kniegelenk und Lendenwirbelsäule sowie zu einer Verminderung der hüftgelenkumgreifenden Muskulatur.

Wie wird hier therapiert – gibt es so etwas wie einen Goldstandard?

Zu Beginn bieten sich bei moderaten Problemen und Bewegungseinschränkungen schmerz- und entzündungshemmende Medikamente an. Auch können entsprechende Spritzen an oder in das Gelenk zu einer Beschwerdelinderung führen. Um die Beweglichkeit und Kraft zu erhalten oder zu verbessern, ist es sinnvoll, Krankengymnastik zu machen und sich, soweit möglich, sportlich zu betätigen. Dabei bieten sich gelenkschonende Sportarten wie Fahrradfahren, Nordic Walking oder auch Schwimmen an. Um die Druckbelastung, die auf das Hüftgelenk einwirkt, zu reduzieren, ist es unter Umständen sinnvoll, Schuhe mit weichen Sohlen oder Pufferabsätzen zu tragen.

Kann man Gelenkarthrose generell vorbeugen?

Ja, indem man Übergewicht reduziert, etwa durch eine gesunde Ernährung in Verbindung mit viel Bewegung. Die ausgeübten Sportarten sollten dabei aber immer möglichst gelenkschonend sein.

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