Ruhrfestspiele

Der unerwartete Schlachtruf

Warum der Markt reif ist für „Cow is a Cow is a Cow“ bei den Ruhrfestspielen. Und warum Zuschauer aus dem Vest – und aus Indien – begeistert waren!
Ein Screenshot aus dem Zoom-Metting von „Cow is a Cow is a Cow“. © Screenshot: Graepel / Ruhrfestspiele

Gleich vorweg. Es ist wichtig: Um den Ausruf welcher Schlacht(ung) es sich handelt, wird in diesem Text garantiert nicht verraten – denn die Wendung im letzten Drittel von „Cow is a Cow is a Cow“ bei den Ruhrfestspielen kommt so unerwartet, erschütternd und persönlich, das muss man selbst gesehen haben. Das ist eine dringende Empfehlung der Autorin dieses Textes.

Zur Anmeldung gibt es ein Biryani-Rezept

Die neue Produktion von Abhishek Thapar findet zwar noch online statt – aber mehr als interaktiv. Zur Anmeldung bekommt der Zuschauer ein Biryani-Rezept, mit Rindfleisch als Zutat. Das aber nur als wichtige, wenngleich mysteriöse Information am Rande.

Mit Beginn der Zoom-Schalte preist der Inder in seiner Rolle als „Abhishek Sharma“ seine Business-Idee an, verkauft glaubwürdig und über-enthusiastisch, welche fantastischen Verwendungszwecke Kuh-Urin haben kann. Ja, Kuh-Urin. „Ich habe sogar meiner Schwester ihre Kuscheltiere zurück verkauft“, erläutert er seine Geschäftsmann-Talente. Das Publikum darf mitmachen, im Chat Fragen beantworten wie: „Was ist denn eigentlich eine heilige Kuh?“

Er hinterfragt Traditionen, Politik und Gesellschaft

Wie schon in „My life at the intersection“ (Ruhrfestspiele 2019) nimmt Thapar Aspekte seiner Persönlichkeit, seines Lebens, und überzeichnet sie in Teilen, um Geschichte und Kultur scharf zu würzen, äh, zu analysieren. Er hinterfragt mit seinem Alter Ego „Sharma“ Traditionen, Politik und Gesellschaft – aber er lässt sich genüsslich Zeit, die Fallhöhe des Themas langsam und authentisch aufzubauen.

Es ist auch in diesem Format wieder eine Freude, ihn spielen zu sehen. Das Kochen in der Vorbereitung hat eine Nähe kreiert, ein fast haptisches Beieinander. Neben dem Business-Spürsinn bringt Abhishek Thapar sein Talent ein, bewegende Informationen auf eine lustige, aber das Thema nicht verhöhnende Weise zu transportieren (was in der Tat ein schmaler Grat ist).

Das Ende kommt unerwartet

Das Ende kommt – für Zuschauer, die mit der Situation der Kuh in Indien nicht vertraut sind – unerwartet. Die Verbindung zu Thapar und die Offenbarung einer intimen, deswegen so politischen, Verhaltensänderung seiner selbst, ziehen das Publikum zu ihm – vergessen sind für einen Augenblick alle Bildschirm-Sterilität und digitale Distanz.

Fassungslos herrscht im anschließenden Gespräch zunächst Stille. Dann gibt es ein paar Fragen der Zuschauer, die nicht nur in Recklinghausen, sondern auch in Indien dabei sind. Die am schwersten zu beantwortende ist eine philosophische: „Kann Kunst einen Unterschied machen, die Welt verändern?“ Sicher ist: Wer „Cow is a Cow is a Cow“ wünscht sich Veränderung. Und übrigens: Das Rezept ist sehr lecker, trotz allem.

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