Ruhrfestspiele

Die dunkle Seite der fliegenden Bälle

„Smashed 2“ feiert Premiere bei den Ruhrfestspielen, entzuckert die Zirkus-Jonglage und vereint Erinnerungen an Pina Bausch mit Dirty Dancing und Tschechow. Bravourös!
Ein Screenshot aus dem "Smashed 2"-Stream bei den Ruhrfestspielen © Graepel

Mit Essen spielt man nicht? Von wegen: In dem nicht als Neuauflage des 2020 abgesagten Stücks „Smashed“, sondern als Weiterentwicklung zu verstehenden „Smashed 2“ ist die Geschlechter-Welt bei den Ruhrfestspielen eine andere – in ihr werden Orangen und Melonen zu fliegenden Sinnbildern für Macht, Rache, Erlösung und Eskalation.

Neuen Zirkus mit Modernem Tanztheater verknüpft

Sean Gandini und Kati Ylä-Hokkala haben hier Neuen Zirkus mit Modernem Tanztheater verknüpft und gleichzeitig abrupt gelöst vom bunten, am Rande der Bedeutungslosigkeit herum-eiernden Zuckerwattenimage der Jonglage.

Jonglage ist Zusammenspiel, Koordination, der Blick immer auf die nächsten Augenblicke gerichtet – wie in Beziehungen im alltäglichen Leben. Gerät das Miteinander, das Vertrauen, die Gleichberechtigung aus der Wa(a)gschale, fallen Liebe und Empathie auf den Boden wie ein verpasster Ball, oder eben eine Orange.

Das ist verspielt, aber nie seicht

In „Smashed 2“ bleiben die Früchte zunächst konsequent in der Luft, synchron, verspielt wirkt das oft, aber trotz humorvollem Charme nie seicht.

Zwei Früchte auszuwählen, deren Äußeres dickwandig und (mehr oder weniger) hart schützend um das süße, saftige Innere liegt, ist ein Genie-Streich. Lange behalten die Melonen zwar einen Platz im Hintergrund, werden nur kurz vorgestellt – in einer lustvollen Vorausschau auf die Dramatik zum Ende des Stücks. Wenn Früchte fallen, dann durch Sabotage der Spielenden.

Swing, Pop, Techno-Beats und Klassik

Zu Swing, Kaffeehaus-Klängen, Pop, harten Techno-Beats und Klassik tanzen und jonglieren die sieben Frauen und zwei Männer miteinander und gegeneinander in einem umgekehrten Geschlechterverhältnis (im Vergleich zum Vorgänger-Stück und auch zur Alltagsaufteilung in vielerlei Situationen). Ironie und Emotionen spielen mit der Zuschauer-Seele wie Zitruskitzel am Gaumen und auf der Zunge. Am Ende erfährt der Mann nach versuchten Machtspielen immer mehr, was Frauen nur zu gut kennen. Unsicherheiten und Verwirrung – der Satz aus Dirty Dancing hallt in der Erinnerung des Publikums kurz wider: „Ich habe eine Wassermelone getragen.“ Dann tritt die Wassermelone noch stärker als Vehikel für Übersprunghandlungen, als Digression, ähnlich wie bei Tschechow („Die Dame mit Hündchen“) ins Zentrum der dramatischen Eskalation.

Das ist fulminant, spannend und unterhaltsam

„Smashed2“ war fulminant, spannend und unterhaltsam – und ohne die von der Pandemie diktierte Grenze der Bildschirm-Oberfläche wäre das Stück sicherlich noch intensiver gewesen. Gandini und seine Leute machen so viel Lust auf mehr – hoffentlich bald.

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