Trend zum Vierbeiner

Ein Hundeleben nach Corona?

Während der Corona-Zeit legen sich mehr Menschen einen Hund zu - auch im Kreis Recklinghausen. Für die Stadtkassen ist das gut, doch Experten sehen Probleme für die Tiere.
In der Corona-Zeit gibt es den Trend zum Hund. Auf unserem Bild sind Bernhardiner-Welpen zu sehen. © picture alliance / dpa

Vor vier Wochen haben sich Stephan R. und seine Freundin einen Hund zugelegt. „Es ist ein Welpe, ein Australian-Shepherd-Schäferhund-Mix“, berichtet der 30-Jährige. Mit einem neuen Hund stehen Stephan R. und seine Freundin keineswegs allein: Während der Corona-Zeit haben sich viele Menschen einen Vierbeiner angeschafft. Die Tendenz ist eindeutig steigend – auch im Kreis Recklinghausen.

Mehreinnahmen bei der Hundesteuer

So berichtet die Mehrheit der Städte im Kreis von einer Zunahme bei der Hundesteuer, Einbrüche werden hingegen nicht gemeldet. Zwei Beispiele: Datteln kam im Jahr 2019 – vor der Pandemie – auf Hundesteuer-Einnahmen von 255.695 Euro, in diesem Jahr sind es bis Mitte September schon mehr, nämlich 263.457. In der Stadt Recklinghausen stiegen die Einnahmen von 779.229 Euro im Jahr 2019 auf prognostizierte 800.000 Euro für 2021. Hinter den Einnahmen „verbergen“ sich kreisweit mehrere zehntausend Vierbeiner. Für die Städte bedeutet der Trend zum Hund erfreuliche Mehreinnahmen. Das trifft auch bundesweit zu: Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts flossen dem Staat 2020 aus der Hundesteuer rund 380 Millionen Euro zu, berichtet jetzt die Tagesschau. „Das waren knapp drei Prozent mehr als im Jahr davor und ein Rekordwert.“

„Oft fehlt die richtige Erziehung“

Kim Bühl bereitet die vermehrte Anschaffung von Hunden in der Corona-Zeit Sorgen: „Die Leute sind wegen Corona verstärkt im Home-Office, haben mehr Zeit zu Hause als vorher. Deshalb schaffen sie sich einen Hund an“, sagt die Leiterin des Tierheims Recklinghausen. Die 30-Jährige sieht hier zwei Probleme: „Zum einen hatten wegen Corona viele Hundeschulen lange zu. So fehlt bei den jungen Hunden jetzt oft die richtige Erziehung, das Grundwissen: Sie haben nicht gelernt, mit anderen Hunden umzugehen, sind auffällig, zum Teil aggressiv. Wir haben schon einige Anrufe von Hunde-Besitzern bekommen, die da allein auf weiter Flur sind und mit ihrem Tier nicht mehr klarkommen. Das ist im Moment ein großes Problem.“

Probleme nach dem Home-Office?

Die zweite Schwierigkeit sieht Kim Bühl in der Zeit nach Corona: „Wenn das Home-Office beendet ist und die Menschen wieder den ganzen Tag zur Arbeit gehen, sind die Hunde plötzlich allein. Das kennen sie nicht, damit kommen sie nicht klar. Dann kann es Probleme geben – vom Bellen und Jammern bis zum Zerstören der Wohnungseinrichtung.“ Die Tier-Expertin nennt ein Beispiel: „Im Moment legen sich die Menschen vermehrt Husky-Welpen zu, sie sind sehr beliebt. Es geht nicht, diese Hunde von morgens bis abends allein zu Hause zu lassen. Selbst wenn man sich für zwischendurch Hilfe über einen Gassi-Service organisiert, ist das nicht optimal. Und außerdem reicht es nicht, mit ihnen nach der Arbeit mal eben eine halbe Stunde um die Ecke zu gehen. Sie brauchen mehr Auslauf.“

Kim Bühl ist die Tierheimleiterin in Recklinghausen.

Die Hunde-Anschaffung von Stephan R. hatte nichts mit Corona zu tun, wie er berichtet. „Und meiner Freundin und mir war auch klar, dass ein Hund Zeit braucht.“ So geht es einmal in der Woche in die Hundeschule, „nach der Welpen-Schule kommt jetzt die junge Hundeschule“. Außerdem hat das Paar im Vorfeld seinen Arbeitsablauf auf den Hund abgestimmt: „Ich habe geklärt, dass ich den Hund mit zur Arbeit nehmen kann und meine Freundin kann auch in der Mittagspause nach Hause kommen“, berichtet Stephan R.

„Einen Hund schafft man sich für 10 bis 15 Jahre an“

Kim Bühl appelliert an alle, die sich eventuell einen Hund zulegen möchten, vorher grundsätzlich zu überlegen, ob sie auf Dauer genug Zeit für das Tier haben: „Man darf nicht vergessen: Es gibt noch ein Leben nach Corona und dem Home-Office – einen Hund schafft man sich nicht nur für die Corona-Zeit an, sondern für zehn bis 15 Jahre.“

Stephan R. ist froh über seinen neuen Begleiter – und er bestätigt bereits nach vier Wochen als Hunde-Besitzer: „Für einen Hund braucht man viel Zeit.“

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