Fachkraft aus Indien Sandeep Bhatia über Herten, deutsches Essen und „das Konzept Stammtisch“

Redakteur
Sandeep Bhatia arbeitet bei der Hydrogenics GmbH auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Ewald in Herten – und spaziert in seiner Freizeit gerne über die benachbarte Halde. In den Kreis Recklinghausen wurde die Fachkraft über die Themen Erneuerbare Energien und speziell Wasserstoff gelockt.
Sandeep Bhatia arbeitet bei der Hydrogenics GmbH auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Ewald in Herten - und spaziert in seiner Freizeit gerne über die benachbarte Halde. In den Kreis Recklinghausen wurde die Fachkraft über die Themen Erneuerbare Energien und speziell Wasserstoff gelockt. © Markus Geling
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Hamburg, Berlin, München: Diese Städte seien außerhalb von Deutschland bekannt, sagt Sandeep Bhatia. Dann noch Frankfurt, vielleicht Düsseldorf oder Köln. Aber Nordrhein-Westfalen als Bundesland, Essen als Reviermetropole oder gar der Kreis Recklinghausen? Nein, wirklich nicht. „Bevor ich hierhin gekommen bin, wusste ich nicht, dass Herten existiert“, sagt der 39-Jährige lächelnd. „Aber jetzt liebe ich es.“

Sandeep Bhatia hat den größten Teil seines bisherigen Lebens in Nord-Indien verbracht. Dort wurde er geboren, ist er aufgewachsen, hat er gearbeitet – zunächst in der Automobilbranche, dann bei Cummins. Der global agierende US-amerikanische Hersteller von Diesel- und Gasmotoren mit Hauptsitz in Columbus (Indiana) zählt zu den weltweit führenden Unternehmen im Bereich der Energie- und Wasserstofftechnologie. So hat die Hydrogenics GmbH, eine Tochtergesellschaft der Cummins Inc., im März in Herten eine neue Produktionsstätte eröffnet. Auf dem Ewald-Gelände werden unter anderem Brennstoffzellensysteme für Alstom-Züge hergestellt: Personenzüge, die mit Wasserstoff fahren. Sandeep Bhatia ist in Herten als Account-Manager der Ansprechpartner für Alstom – und damit für den wichtigsten Kunden.

„Ich hatte die Möglichkeit, in die USA, nach Kanada oder Deutschland zu gehen und habe mich 2021 bewusst für Deutschland entschieden“, erzählt Sandeep Bhatia. Weil Deutschland ein Vorreiter beim Thema Erneuerbare Energien und speziell Wasserstoff sei – und auch die Politik das Ganze forciere. „Hier sehe ich die Möglichkeit, mein Fachwissen einzubringen und an einer spannenden Entwicklung teilzuhaben.“

Täglich mit dem Fahrrrad zur Arbeit

Der 39-Jährige fährt täglich mit dem Rad zur Arbeit. Aus seiner ländlich gelegenen Hertener Wohnung schaut er auf einen Bauernhof mit vielen Tieren, hat es aber gleichzeitig nicht weit zum Einkaufen, zu Ärzten – oder auch zum Hauptbahnhof nach Recklinghausen. Von hier aus erforscht er Deutschland, wie er sagt, fährt am Wochenende nach Köln, Düsseldorf und vor allem Essen. In der Revier-Metropole hat er viele berufliche und private Termine – und nimmt sonntags am Lunch der Sikh-Gemeinde teil.

Auch ins Thema Fußball will er sich einarbeiten

Sandeep Bhatia erzählt bei Hydrogenics auf Englisch aus seinem Leben, die am Standort verantwortliche Personalerin Katja Göbbels-Timpert übersetzt. Aber dann benutzt der Inder plötzlich doch ein deutsches Wort: Stammtisch. „Ein Freund hat mir das Konzept Stammtisch erklärt und mich mitgenommen“, sagt Sandeep Bhatia. Zunächst sei er schüchtern und zurückhaltend gewesen, weil sein Deutsch eben noch nicht so gut sei. Aber inzwischen fühle er sich dort sehr wohl. „Wir treffen uns bei Boente. Das ist eine kleine, total gemischte Gruppe.“

Der alleinstehende Mann würde hier gerne noch mehr Leute kennenlernen und Bekanntschaften knüpfen, zumal er es aus Indien so kennt, eine große Gemeinschaft um sich herum zu haben. Aber Deutsch sei halt schon noch eine Barriere: „Es ist schwierig, sich jemandem zu öffnen und Vertrauen aufzubauen, wenn man nicht die gleiche Sprache spricht. Das braucht Zeit.“ Weiter an seinem Deutsch zu arbeiten, hat er sich deshalb ganz fest vorgenommen. Und mit dem Thema Fußball will er sich beschäftigen: „Das ist ein großes Ding hier.“

„Für Europäer ist das meistens zu stark gewürzt“

An seinem Stammtisch wird viel übers Essen gesprochen. Die deutsche Küche nimmt er als Mix aus unterschiedlichsten Kulturen wahr. „Hier gibt es viele Möglichkeiten. Aber die indische Küche ist oft nicht wirklich indisch.“ Traditionelle Gerichte kocht der 39-Jährige deshalb gerne selbst. „Für Europäer ist das meistens zu stark gewürzt, aber ich kann auch anders“, sagt er lachend.

Unternehmen, die ausländische Fachkräfte nach Deutschland holen wollen, sollten mit dem Betreffenden vorher schon ein Sprach- und Kulturtraining machen, denkt Sandeep Bhatia. Ihm bei der Wohnungssuche und dem Umzug helfen, die dazugehörige Familie einbinden, Alltagshilfen an die Hand geben. Das sei ganz wichtig. Von seinem Arbeitgeber fühlt sich der Inder diesbezüglich gut unterstützt. Nur privat Fuß zu fassen, sei schwierig. Was kann man im Kreis Recklinghausen alles machen? Was für Freizeitgruppen gibt es? Wie kommt man da rein? Bei der Beantwortung solcher Fragen könnte er manchmal Hilfe gebrauchen. „In Köln und Düsseldorf gibt es Integrationskurse speziell für ausländische Fachkräfte“, weiß er.

Herten findet er authentisch

Aber auch wenn solche Städte internationaler aufgestellt seien, möchte Sandeep Bhatia nicht tauschen. „In meinem Haus bin ich der einzige Ausländer. Ich bekomme in Herten einen guten Einblick in die deutsche Kultur, den normalen Alltag, das ist alles sehr authentisch hier. Das finde ich gut.“

Sandeep Bhatia hat die „Blaue Karte EU“. Sie soll insbesondere hochqualifizierten Drittstaatsangehörigen den Aufenthalt in der EU ermöglichen, um dem Fachkräfte-Mangel zu begegnen. In diesem Bereich könnte der Gesetzgeber es ausländischen Fachkräften allerdings noch einfacher machen, denkt Sandeep Bhatia. Er will jedenfalls langfristig in Herten bleiben. „Yes!“, sagt er auf die entsprechende Frage. „Herten ist mein Zuhause.“

Ein Konzept entwickeln, um dem Fachkräftemangel zu begegnen, wollen Dominik Schad (Leiter des Jobcenters), Peter Haumann (Leitung Planung und Wirtschaft Kreis Recklinghausen) und Frank Benölken (Chef der Arbeitsagentur) mit Kammern, Gewerkschaften und Unternehmen.
Ein Konzept entwickeln, um dem Fachkräftemangel zu begegnen, wollen Dominik Schad (Leiter des Jobcenters), Peter Haumann (Leitung Planung und Wirtschaft Kreis Recklinghausen) und Frank Benölken (Chef der Arbeitsagentur) mit Kammern, Gewerkschaften und Unternehmen. © Jörg Gutzeit
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Wie der Keis RE dem Fachkräftemangel begegnen will

Arbeitsagentur, Jobcenter und Kreis Recklinghausen haben den Fachkräftemangel als eine der großen Herausforderungen für die Emscher-Lippe-Region identifiziert – und deshalb vor einigen Wochen ein Papier zur Fachkräfteentwicklung vorgestellt. Dort skizzieren sie, wie sie hiesige Fachkräfte hierhalten und auswärtige anlocken wollen. „An Indien haben wir dabei allerdings weniger gedacht“, sagt der Fachbereichsleiter Planung und Wirtschaft beim Kreis Recklinghausen, Peter Haumann, mit Blick auf unser Treffen mit Sandeep Bhatia. „Das ist eine Nummer zu groß für uns, da haben die Unternehmen selbst ganz andere eigene Möglichkeiten.“ Der Kreis schaue eher – ohne sich gegenseitig die Leute abwerben zu wollen – auf den Großraum Ruhrgebiet. Denn: Viele gute junge Leute, die hier aufwachsen, würden die Region gar nicht richtig kennen, nicht wissen, welch attraktive Angebote die Nachbarstädte bereithielten. Klar sei aber auch: Wenn eine Fachkraft wie Sandeep Bhatia aus dem Ausland oder auch nur aus Nord- oder Süddeutschland wegen der Arbeit ins Vest ziehen und sich deshalb im Internet informieren wolle, „dann darf sie nicht abgeschreckt werden, sondern muss unsere Region dort so spannend und attraktiv vorfinden, wie sie ist“, so Haumann.

Arbeiten und Wohnen, Aus- und Weiterbildung, Freizeit und Erholung: Die Region habe alles, was man suche und brauche – nur sei es für einen heterogenen Kreis manchmal komplexer, über all diese Angebote zu informieren, als für eine kreisfreie Stadt. „Daran müssen wir arbeiten.“

Außerdem müsse sich der Kreis darüber klar werden, wie das eine große Bild aussehen soll, das er von sich transportieren will. „Wir standen lange dafür, die letzte Kohleregion zu sein. Aber dieses Bild hat sich dramatisch gewandelt.“ Haumann denkt, dass die zu erzählende Geschichte in Richtung Erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit gehen müsse. „Diese Begriffe nehmen viele für sich in Anspruch, aber bei uns stimmen sie.“ Und für Fachkräfte sollte es doch interessant sein, Teil einer solchen Wende, einer solch spannenden Entwicklung zu sein.

So ist ein Gedanke des Fachkräfteentwicklungs-Papiers auch, ein Kompetenzzentrum Erneuerbare Energien mit dem Fokus auf Wasserstoff einzurichten – möglicherweise am Berufskolleg Ostvest. Wobei dieser Standort verrät, dass der Kreis eben auch einen großen Bedarf an „normalen“ Fachkräften hat, wie Haumann es formuliert – nicht nur an welchen mit Bachelor und Master.