Ruhrfestspiele

Genial idiotischer, grandios-verwirrter Abend

Die Svalbard Company spielt bei den Ruhrfestspielen exzentrisch, bizarr, sexy und wunderschön. Und so etwas hat man in diesem Mix noch nicht gesehen.
Eine Szene aus „All Genius All Idiot“. © Ruhrfestspiele

Der Mensch verändert sich im Theater wie im Zirkus. Immer. Der Mensch fragt sich: Was war das, was ich gerade erlebt habe und was macht das mit mir? Mit „All Genius All Idiot“ bricht die schwedische Svalbard Company bei den Ruhrfestspielen mit allen Genres, Grenzen und Genderidentitäten. Vor dem Bildschirm, im digitalen Ruhrfestspielhaus, das überall auf der Welt stehen könnte (dieser Text entsteht beispielsweise in Dublin, Irland), weiten sich Augen, klingen die Ohren, schlägt das Herz schneller: Was macht das Stück mit mir?

Es macht Spaß und Angst, Lust und Leiden

Es reißt mich mit, es wirbelt mich herum, es stürzt mich in die Tiefe, schickt mich in schwindelerregende Höhen. Kurz: Es macht Spaß und Angst, Lust und Leiden. (Und – der kleine Vorteil der Online-Version – es sieht ja keiner: Es lässt mich tanzen.)

„Ein schmaler Grad zwischen Genie und Wahnsinn“

„Es ist ein schmaler Grad zwischen Genie und Wahnsinn“, stand im Programm. Bei so einer Ankündigung kann es ein grandioser Abend werden – oder ein verwirrter. Es wird ein grandios verwirrter. Denn auf eben diesem schmalen Grad balancieren die vier Darsteller, teils buchstäblich. Einer trägt eine weiße Plüschjacke, ein anderer eine Lederjacke, ein dritter könnte fast normal aussehen, aber was heißt das schon, „normal“? Der Barde hoch oben auf der runden Plattform unterm Zirkuszeltdach trägt einen langen, braunen Mantel über einem BDSM-Netz-Overall – durchsichtige Plastik Plateauschuhe werden eine Rolle spielen, aber erstmal spielt der Barde Mandoline.

Die Akrobaten kämpfen, lieben, tanzen, turnen

Die vier Akrobaten kämpfen und lieben, tanzen und turnen, dass es eine Freude ist, ihnen dabei zuzuschauen. Aber sie leiden auch, wandeln durch kratzigen Blues und HipHop, spanischen Rap, Metal, Pop, Gangsta-Styles (mit fetter Goldkette) und winden sich in Schmerz am Boden und in einer Waterboarding-Schüssel. Wenn der Barde spricht, klingt er wie Chris Martin, wenn er singt wie Sting, und während man noch überlegt, wem er äußerlich ähnelt, stimmt er Whitney Houston’s „I will always love you“ an. Verwirrend grandios, wie gesagt.

Die vier lassen buchstäblich die Hosen runter

Wagemutige Anspielungen auf „golden showers“ ergießen sich im güldenen Glitter über die Bühne, die vier lassen buchstäblich die Hosen runter – um im nächsten Moment nahezu albern im Stil der beiden Jugend-Rapper Kris Kross den „crab dance“ durchs Bild zu grooven.

Fulminant findet „All Genius All Idiot“ sein Ende mit einem musikalischen Zitat aus der „Zauberflöte“: Die vier Darsteller sind die wahren „Queens“ der Nacht. Ich höre auf zu tanzen. Und denke: Alter Schwede, was war das? Genial idiotisch? Ja.

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