Ruhrfestspiele

Kluge Lehrstunde mit „Care Affair“

Ein Blick auf Selbstverständlichkeiten und Geschlechterrollen bei den Ruhrfestspielen. Und zwar ein sehr guter.
Eine Szene aus "Care Affair". © Paula Reissig

Kennen Sie noch die Staubsauger-Werbung aus 2003? Die, in der Katja Weitzenböck fröhlich in die Kamera trällert: „Und ich führe ein sehr erfolgreiches kleines Familienunternehmen?“ Diejenigen (Männer), die die Hausfrauen- und Mutterrolle damals müde belächelten, dürften heute die sein, die anlässlich der Ruhrfestspiel-Performance „Care Affair“ vom interdisziplinären Künstlerkollektiv „Frauen und Fiktion“ an die Decke gehen.

Von der Hebamme bis zum Altenpfleger

Auf weiß gekachelter Bühne bewegen sich schrill-bunte Erzähler durchs Bild und geben Fragmente aus Gesprächen mit Menschen wieder, die über private oder professionelle Sorgearbeit berichten – von der Hebamme zum Altenpfleger, vom schulischen Integrationshelfer bis zur gestandenen Mama. Was dabei herauskommt, gibt ein armseliges Bild vom Sozialstaat Deutschland ab: „Hier putzen Menschen aus ärmeren Ländern. In ärmeren Ländern putzen Menschen aus noch ärmeren Ländern und am Ende der Kette putzen Menschen, ohne dafür entlohnt zu werden.“ Oder: „Wer ein Essen kocht und es verkauft, ist produktiv. Wer ein Essen kocht und kostenlos seiner Familie anbietet, existiert nicht in unserer Gesellschaft.“

Nur wer ein Essen kocht und es verkauft, ist produktiv

Dabei wäre es so spannend, Ökonomie feministisch zu denken. Oder das klassische Modell einer Kleinfamilie – Vater, Mutter, Kind(er) – umzustrukturieren, etwa in einer Regenbogenfamilie mit gleichgeschlechtlichen oder Transgender-Partnern. Doch in Deutschland ist die Mutterschaft an die Geburt gebunden und kann anders nicht anerkannt werden. Warum eigentlich? Apropos Mutter: Wenn Mama mit dem Kind spazieren geht, ist das dann Freizeit, obwohl sie nicht in der Lage ist, in dieser Zeit für Lohn zu arbeiten oder etwas für sich selbst zu tun? Warum werden Patienten in eine Profit- und eine Kosten-Liga eingeteilt?

„Care-Arbeit wird abgewertet, schlecht bezahlt und ist uncool“

Viele Fragen, erschreckende Antworten: „Care-Arbeit wird scheiße abgewertet, schlecht bezahlt und ist uncool.“ Und: Ist es das wert, dass zwar mehr Geld, dafür aber kein Miteinander mehr da ist? Es sind viele Themen, an denen sich die politisch hochmotivierte Off-Szene in einer viel zu kurzen Stunde klug und einfühlsam abarbeitet. Am Ende jedenfalls kann der empathische Zuschauer nicht anders, als vermeintliche Selbstverständlichkeiten und klassische Geschlechterrollen in Frage zu stellen.