Mutter-Kind-Kuren

Kreis Recklinghausen: „Es ist richtig Druck auf dem Kessel“

Durch Corona-Belastungen ist bei Mutter-Kind-Kuren der Andrang groß, die Wartezeit lang. Zudem droht ein Ende des Rettungsschirms für Kliniken - und damit ein Wegbrechen von Kur-Häusern.
Auch Sportangebote gehören zum Programm von Mutter-Kind-Kuren. © dpa

Clara Müller (Name von der Redaktion geändert) aus Recklinghausen ist verheiratet, hat zwei Kinder, ihr Mann arbeitet in Voll-, sie in Teilzeit. Eine relativ häufige Familienkonstellation, mit der die 35-Jährige klarkommt. Doch durch Corona geraten die normalen Abläufe durcheinander: Die Betreuung der jüngeren Tochter in der Kita fällt weg, die ältere ist im Grundschul-Distanzunterricht, der Mann macht Homeoffice im einzigen Arbeitszimmer der Wohnung. Clara Müller erledigt ihre Teilzeit am Küchentisch, hier sind auch meist die Kinder. Die Mutter kümmert sich nebenbei um Homeschooling und Freizeit-Beschäftigung der Töchter sowie um den Haushalt. Die noch nicht geimpften Großeltern können Clara Müller nicht wie gewohnt entlasten, die eigene Entspannungszeit mit Sport und Freundinnen-Treffen entfällt ebenfalls wegen der Pandemie. Clara Müller möchte eine Mutter-Kind-Kur antreten: In Corona-Zeiten rund um die Uhr beschäftigt, ohne Zeit für sich selbst, ist sie müde und gestresst, schläft schlecht, hat Kopfschmerzen.

„Eine Spirale der mentalen und körperlichen Erschöpfung“

„Clara Müller ist ein typisches Beispiel für die Frauen, die derzeit zu uns kommen“, berichtet Silvia Zimmerling. Die Mitarbeiterin in der Kur-Beratungsstelle der Caritas Recklinghausen spricht hier von einer „Spirale der mentalen und körperlichen Erschöpfung.“ Und die sei in der augenblicklichen Situation häufig zu beobachten: „Das ist der zurzeit normale Alltag in vielen Familien, meist bei den Müttern – auch ohne dass noch besondere Probleme wie Partnerkonflikte oder Gewalt in der Familie hinzukommen.“

Der „normale Alltag“, der zur Überforderung führt, sorgt für jede Menge Andrang bei den Mutter-Kind-Kuren. „Viele Kurhäuser sind bereits bis Ende 2021 ausgebucht. Von der Bewilligung einer Kur bis zum Antritt gibt es Wartezeiten von bis zu neun Monaten. Die Situation hat sich eindeutig verschärft, es ist richtig Druck auf dem Kessel“, sagt Silvia Zimmerling, die bereits seit etwa zehn Jahren in der Kur-Beratung tätig ist, bei Anträgen für Mutter-Kind- und Vater-Kind-Kuren sowie Kuren für pflegende Angehörige hilft, bei der Suche nach dem passenden Kur-Haus unterstützt.

„Die Kur-Anträge haben sich angehäuft“

Die 60-Jährige nennt im Zusammenhang mit Corona mehrere Gründe für den derzeitigen Antrags-Stau. „2020 dienten die Mutter-Kur-Kliniken zeitweise als Ausweichmöglichkeiten für Krankenhäuser, dann mussten sie lange mit geringerer Auslastung laufen, müssen das immer noch. Dadurch haben sich die Kur-Anträge natürlich angehäuft. Und jetzt gibt es viele Frauen wie Clara Müller, die durch die Corona-Zeit gesundheitliche Probleme bekommen haben.“ Hier erwartet Silvia Zimmerling noch den Großteil der Kur-Nachfragen: „Zurzeit kommen ungewöhnlich viele Frauen aus bürgerlichen Bildungsschichten in die Beratung. Normalerweise habe ich mehr Frauen aus prekären Verhältnissen. Ich glaube, diese Mütter kämpfen noch mit dem Corona-Überleben, sind noch nicht bei mir aufgeschlagen.“ Die Beraterin vermutet: „Je mehr Corona-Entspannung einsetzt, desto mehr Kur-Anträge kommen. Denn erst wenn ich die Zeit dazu habe, mache ich mir Gedanken, was ich für mich tun könnte und sollte.“

Beraterin rechnet mit weiterer Verschlechterung

So bezeichnet Silvia Zimmerling nicht nur die derzeitige Situation als schwierig, sie rechnet darüber hinaus mit einer weiteren Verschlechterung, mit langen Wartezeiten auch für das Jahr 2022. „Es gibt einfach eindeutig zu wenig Kur-Plätze für zu viele Anträge“, resümiert die Beraterin.

In diesem Zusammenhang hat Silvia Zimmerling große Sorge, dass der derzeitige Rettungsschirm für Vorsorge- und Rehakliniken des Bundesgesundheitsministeriums beendet wird. Das zeitlich befristete Unterstützungsprogramm ist derzeit bis zum 15. Juni verlängert – es droht ein Auslaufen. Das Müttergenesungswerk bezeichnet das als „unzumutbar“ und fordert eine Verlängerung des Rettungsschirms bis Ende 2021. Auch der Deutsche Caritasverband bezeichnet ein Auslaufen als „in keinster Weise akzeptabel“ – mit Hinweis auf den geringeren Auslastungsgrad und Mehrausgaben in den Kliniken durch die Pandemie-Vorgaben.

„Hier fehlt die notwendige Unterstützung der Familien“

Silvia Zimmerling fürchtet, dass „diverse Kur-Kliniken ohne Rettungsschirm aufgeben müssen – und wenn hier Häuser wegbrechen, wird die Situation noch schwieriger.“ Die 60-Jährige betont: „Das ärgert mich: Es wird immer laut getönt, wie wichtig der Politik die Familien sind. Und hier fehlt dann bei ganz realen Dingen die notwendige Unterstützung der Familien.“

Nicht zuletzt erinnert die Beraterin daran, dass es sich bei einer Kur nicht um Urlaub, sondern um eine Gesundheitsmaßnahme handelt, eine Versorgungsleistung, für die ein ärztliches Attest notwendig ist. „Die Kurhäuser stabilisieren die Mütter, sorgen für eine bessere Selbstfürsorge, einen gesünderen Umgang mit Stress.“ Silvia Zimmerling betont: „Für viele Mütter wie Clara Müller ist eine Kur notwendig, damit der Tank wieder voll gemacht wird, damit sie fit werden für den kommenden Alltag.“

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