Theater

Spannende Inszenierungen und viele Gespräche

Nur noch wenige Tage, dann startet die Stadt Recklinghausen in die Theatersaison 2021/22. Im Mittelpunkt soll dabei die persönliche Begegnung stehen, denn die haben viele Menschen in den Zeiten des Lockdowns schmerzlich vermisst. Das Motto der neuen Theatersaison lautet daher „Kultur verbindet“.
Mit dem Stück „Verräter" nach Can Dündar startet die Stadt Recklinghausen am 13. September in die Theatersaison 2021/2022. © Volker Beushausen

Insgesamt wird es in der neuen Theatersaison der Stadt Recklinghausen fünf Vorstellungen des Westfälischen Landestheaters Castrop-Rauxel (WLT) im Ruhrfestspielhaus geben. Und nicht nur das! Denn die Auseinandersetzung und Diskussion über gesellschaftlich relevante Themen wie politische Verfolgung, Glaubensfragen und die deutsche NS-Vergangenheit ist dabei ausdrücklich erwünscht. Deshalb bietet das Institut für Kulturarbeit zusammen mit dem WLT Einführungen und Nachgespräche an, damit interessierte Zuschauer und Künstler zusammenkommen und sich austauschen können.

„Verräter“ macht den Anfang

Den Auftakt macht am 13. September die Inszenierung „Verräter“ nach Can Dündar in einer Textfassung von Christian Scholze, die sich mit der Geschichte des politisch verfolgten Journalisten Can Dündar auseinandersetzt. Im Anschluss wird es ein Nachgespräch mit Can Dündar geben.

Zur Geschichte: Am 29. Mai 2015 erschien in der renommierten türkischen Tageszeitung Cumhuriyet ein Artikel über geheime Waffenlieferungen der türkischen Regierung an den „Islamischen Staat“. Der Autor war der Chefredakteur der Zeitung, Can Dündar.

Erdogan forderte lebenslange Haft

Kurz darauf stellte der türkische Staatspräsident Erdogan Strafanzeige und forderte für Dündar lebenslange Haft. Am 6. Mai 2016 wurde Dündar der Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen für schuldig befunden und zu fünf Jahren und zehn Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Der Journalist legte Revision ein und ging ins Exil – nach Deutschland. Im Dezember 2020 wurde Dündar in Abwesenheit zu 18 Jahren und 9 Monaten Haft wegen Spionage und zu weiteren 8 Jahren und 9 Monaten wegen Terrorunterstützung verurteilt.

Can Dündar lebt heute in Berlin. Es ist ein Leben zwischen Ehrungen und Anerkennung auf der einen, alltäglichen Bedrohungen und akuter Gefahren auf der anderen Seite. Can Dündars Frau durfte die Türkei jahrelang nicht verlassen, sein Sohn lebte bis vor Kurzem in London. Seit Dezember 2017 steht er unter umfangreichem Personenschutz. Ein Leben, zerrissen vom Gefühl des Vorübergehenden, der Angst, dauerhaft von der Familie getrennt zu sein und der Furcht und Ungewissheit, bei jedem Gang auf die Straße und ganz allgemein in die Öffentlichkeit.

Nachgespräch mit dem Autor

Die Auswirkungen beschreibt Dündar in seinem Buch „Verräter“. Aufgrund seines Engagements, des Mutes und des Glaubens an die Würde des Menschen, der Bedeutung von Meinungsfreiheit und den Werten der Demokratie ist Aufgeben für ihn keine Option. Can Dündar steht für all die Journalisten, Aktivisten, Politiker und zahlreichen Einzelpersonen, die sich Angriffen täglich widersetzen und dem Hass entgegentreten. Sein Leben ist ein Beispiel dafür, welche Errungenschaften wir verlieren, wenn Demagogen und Extremisten, die die Werte von Demokratie, Freiheit und Menschenwürde bekämpfen, an die Macht kommen. Das Nachgespräch zwischen Can Dündar und Regisseur Christian Scholze im Anschluss an die Vorstellung wird von einem Übersetzer begleitet, der vom Türkischen ins Deutsche übersetzt.

„Der Trafikant“

Die zweite Aufführung im Rahmen der „Kultur verbindet“- Reihe gibt es am 15. September um 19.30 Uhr mit dem Stück „Der Trafikant“ nach Robert Seethaler.

Der 17-jährige Franz verlässt 1937 sein Heimatdorf, um in Wien als Lehrling in einem Tabak- und Zeitungsgeschäft sein Glück zu suchen. Dort begegnet er dem Stammkunden Sigmund Freud. Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden. Im Anschluss an die Vorstellung ist ein Nachgespräch geplant, zu dem die Zuschauer herzlich eingeladen sind.

„Der Trafikant“ nach Robert Seethaler wird am 15. September um 19.30 Uhr im Ruhrfestspielhaus aufgeführt. © Volker Beushausen © Volker Beushausen

Plädoyer für Toleranz

Am 29. September geht es dann, ebenfalls um 19.30 Uhr, weiter mit „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing. Vor der Vorstellung gibt es für alle Interessierten um 18.15 Uhr ein sogenanntes „Nathan-Warm-Up“ mit Dramaturg Christian Scholze und Theaterpädagogin Katrin Kleine-Onnebrink.

Nathan, der Jude, kehrt zurück nach Jerusalem von einer Reise, bei der er mit viel Erfolg seinen Geschäften nachgegangen ist. Daheim steht er nicht zum ersten Mal vor den Trümmern seines Daseins: Sein Haus ist abgebrannt, Recha, seine Tochter, nur knapp dem Tod entronnen, gerettet von einem jungen Christen, der sich schämt, einer Jüdin das Leben gerettet zu haben. Das Stück aus dem 18. Jahrhundert ist ein Klassiker, der sich mit dem Hass zwischen den großen Religionen während der Kreuzzüge im 12. Jahrhundert beschäftigt. Lessings „Nathan der Weise“ gilt als Plädoyer für Toleranz und das friedliche Miteinander der Religionen. Heute, im 21. Jahrhundert, ist dieses Kunstwerk aktueller denn je.

Lessings „Nathan der Weise“ gilt als Plädoyer für Toleranz und das friedliche Miteinander der Religionen. Das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel zeigt das Stück am 29. September im Ruhrfestspielhaus. © Volker Beushausen © Volker Beushausen

Premiere der Uraufführung „Wir haben Worte“

Den Abschluss der „Kultur verbindet“-Reihe bildet dann am 8. Oktober die Premiere der Uraufführung „Wir haben Worte“ nach Georges Salines und Azdyne Amimour in einer Textfassung von Christian Scholze. Die Inszenierung startet um 19.30 Uhr, ebenso wie auch am nächsten Tag, dem 9. Oktober. An beiden Tagen gibt es die Möglichkeit, um 19 Uhr einer Einführung beizuwohnen.

Tickets kaufen

Tickets gibt es im RZ-Ticket-Center, Breite Str. 4, 45657 Recklinghausen, unter der Rufnummer 02361/1805-2700, unter www.kultur-kommt-ticket.de oder im Buchladen Attatroll, Herner Str. 16, 45657 Recklinghausen. Sollten Veranstaltungen aufgrund der Corona-Pandemie nicht stattfinden können, erstattet das Institut für Kulturarbeit den Kartenpreis.