LWL-Klinik

Transidentität – wer bin ich eigentlich?

Seit Juli bietet die Haard-Klinik eine Transgender-Sprechstunde für Kinder und Jugendliche und deren Eltern an. Der Zulauf ist enorm und die Unsicherheit oft groß.
Dr. Johanna Schulte-Wermlinghoff und Marco Timmerhinrich. © LWL-Klinik

Bei der Fußball-EM präsentierte Deutschland sich quasi als Regenbogen-Musterland. Bei Heidi Klums „Germanys Next Top Model“ siegte in diesem Jahr zum ersten Mal ein Transgender-Model und im Mai noch machte sich die große Koalition Gedanken um neue Entwürfe der FDP zum Transgendergesetz. Doch transgeschlechtliche Menschen haben es hierzulande oftmals noch schwer – mit der Anerkennung, aber auch mit dem eigenen – oft von Zweifeln geprägten – Selbstbild. Auch bei Kindern und Jugendlichen. Für sie hat die LWL-Klinik in Marl-Sinsen jetzt eine Transgender-Sprechstunde etabliert.

Und der Bedarf sei groß, sagt Diplom-Psychologe Marco Timmerhinrich, Mitarbeiter der Institutsambulanz, mit Blick auf die 17 Patienten, die aktuell innerhalb kürzester Zeit an die Klinik angebunden wurden. Doch was steckt eigentlich dahinter?

Gefühltes und biologisches Geschlecht stehen nicht im Einklang

In der Vergangenheit wurde lange Zeit von einer Zweigeschlechtlichkeit Mann – Frau ausgegangen. Das habe sich, auch wegen gesellschaftlicher Strömungen und Medienbilder, inzwischen geändert, so Timmerhinrich. Transgender oder auch Transidentität bedeute, dass das Zuweisungs-, also das biologische Geschlecht und das gefühlte Geschlecht nicht im Einklang stehen.

Erste Hinweise zeigten sich manchmal schon im Kindergartenalter: Gesellschaftstypische Rollenstereotype würden nicht erfüllt. Die Kinder weigerten sich, den Erwartungen der Umwelt an ihre Geschlechtlichkeit gerecht zu werden: „Zum Beispiel wählen Mädchen Aktivitäten oder Kleidung, die eher Jungs zugeschrieben werden. Wobei das allein natürlich nicht für eine transidente Entwicklung steht“, so der Diplompsychologe.

Unsicherheit beginnt oft in der Pubertät

So könne es sogar zur kompletten Ablehnung des eigenen Namens sowie des Geschlechts kommen. Die Entwicklungsverläufe können dabei sehr stark variieren. „Wir beobachten aktuell aber auch, dass sich Jugendliche in unserer Sprechstunde vorstellen, bei denen es bis zur Pubertät keine Hinweise auf eine transidente Entwicklung gegeben hat. Aber dann, ab der Pubertät, werden sie unsicher, beginnen zu zweifeln“, so Timmerhinrich. Häufig sei das ein schleichender Prozess, bei dem beispielsweise ein Mädchen den Kleidungsstil, das äußere Erscheinungsbild oder den Vornamen ändere.

Begleitung in der sexuellen Identitätsentwicklung

Genau da setze die Arbeit der LWL-Klinik mit einer bewusst niedrigschwelligen Beratung an: Wenn Kinder oder Jugendliche sowie deren Eltern unsicher seien, könnten sie in die Sprechstunde kommen. Geschulte Psychologen wie Timmerhinrich beobachten und begleiten dann die Betroffenen in ihrer sexuellen Identitätsentwicklung. Ganz wichtig dabei: „Transidentität stellt man nicht anhand eines Testes fest.“ Sondern über eine sogenannte Prozessdiagnostik, die mehrere Monate, manchmal Jahre andauere. Dabei werde genau beobachtet, ob es sich um eine vorübergehende Entwicklungsphase handele, oder ob die transgeschlechtliche Identität gefestigt und von Dauer sei. Wobei das Ganze „ergebnisoffen“ sei.

„Es geht nicht darum, aus Mädchen Junge oder aus Junge Mädchen zu machen und auch nicht, die betroffene Person in ihr biologisches Geschlecht zurück zu drängen, sondern darum, den Jugendlichen in seiner Identitätssuche zu begleiten anstatt sie zu lenken oder zu beeinflussen.“ Die Erwartung einiger Eltern ‚Machen Sie das mal weg‘ müsse in gemeinsamen Gesprächen zwar aufgegriffen werden, sei aber kein Behandlungsziel. Im Gegenteil: „Die sexuelle Identitätsentwicklung ist dauerhaft nicht beeinflussbar. Entsprechende Erwartungen der Umwelt sind für Betroffene oft eine zusätzliche enorme Belastung.“ Wichtig sei, dass man den inneren Leidensdruck und die Auswirkungen wie Selbstwertprobleme oder Depressionen reduziere.

Umfang und Tempo werden vom Patienten vorgegeben

Denn häufig maskiere eine solche psychologische Erkrankung die Transgenderproblematik, sagt auch Dr. Johanna Schulte-Wermlinghoff, Leiterin der Ambulanz. Begleiten die Marler Diplom-Psychologen die Betroffenen in ihrer Entwicklung, erfolgt zunächst eine Aufklärung und Beratung. In weiteren Schritten ist etwa eine Alltagserprobung im familiären Umfeld und im Freundeskreis, später dann in der Schule möglich. Dabei werden Umfang und Tempo vom Patienten vorgegeben. Eine umfangreiche hormonelle oder chirurgische Anpassung des Körpers an das empfundene Geschlecht durchlaufen die Jugendlichen aber in der Regel nicht, weil die Hürden für eine Operation ebenso wie für eine Hormontherapie bewusst sehr hoch sind. Hormone verschreiben die Experten der LWL-Klinik auch zukünftig nicht, aber ihr Netzwerk beispielsweise zu Endokrinologen und anderen Fachrichtungen baut sie derzeit aus.

Info:

Die Marler Ambulanz ist von Montag bis Freitag von 8 bis 13 Uhr unter Tel.: 02365-802-2402 erreichbar.

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