Ruhrfestspiele

Zwischen Top-Quoten, Vorsicht und Zuversicht

Hoffen auf ein volles Haus 2022: Zum Finale zieht der Intendant der Ruhrfestspiele, Olaf Kröck, im Interview Bilanz: 27.000 Gäste haben das Festival besucht, davon 14.000 live. Bravourös!
Ruhrfestspiel-Intendant Olaf Kröck zum Abschluss der Ruhrfestspiele 2021 im Gespräch mit unserer Zeitung. © Jörg Gutzeit

Es ist fast nicht zu glauben. Knapp 30.000 Zuschauer (14.000 davon live) haben sich in diesem Jahr, zum 75. Geburtstag des renommierten Festivals, die Veranstaltungen der Ruhrfestspiele angeschaut. Wahrscheinlich sogar noch mehr – beim Streaming guckt selten nur einer zu. Das ist – trotz Corona – ein Drittel der „normalen“ Auslastung. Bravourös.

Der Grund: Die Ruhrfestspielmacher um Intendant Olaf Kröck haben exakt in dem Moment auf den vorbereiteten Live-Knopf gedrückt, als es erlaubt wurde. Und es kommt noch besser: Weil viele Angebote digital waren, ist die Reichweite nahezu explodiert. Besucher aus 31 Ländern – u. a. aus Australien, den USA, Indien, Japan, Hongkong, Argentinien, Kolumbien, Schweden, Griechenland, Italien, Großbritannien, Frankreich, Polen, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz – haben das Geschehen, das am Sonntag endet, verfolgt. Und in den sozialen Medien klickten Zehn- bis Hunderttausende. Das dürften Rekorde sein. Wir haben mit Olaf Kröck gesprochen. Über Ereignisse, Erfahrungen und Zukunftsvisionen.

Vorab die Frage, die bei der eigentlich obligatorischen Abschluss-Pressekonferenz der Ruhrfestspiele, die am Sonntag zu Ende gehen, gestellt respektive beantwortet worden wäre: Wie ist das Festival 2021 gelaufen?

Es ist wirklich gut gelaufen! Gut gelaufen, weil ich mit meinem Team – wie alle weltweit – in einem extrem rauen Fahrwasser unterwegs war. Man bedenke während wir hier jetzt bei 36 Grad gemeinsam sitzen: Noch vor drei, vier Wochen gab es eine Ausgangssperre! Ein Festival zu veranstalten, das eigentlich Menschen zusammenbringen möchte, war damals absolut ausgeschlossen. Theater spielen vor Publikum war ganz einfach verboten.

Wir haben aber trotz allem das Abenteuer gewagt, die Ruhrfestspiele zum 75. Geburtstag stattfinden zu lassen. Vom 1. Mai an. Mit einem, wie ich finde, vielschichtigen, spannenden, sehr guten, auch inhaltlich relevanten Programm. Und wir haben uns so gut es geht darauf vorbereitet, dass wir in dem schnellstmöglichen Moment, in dem es uns gestattet war, sofort in den Live-Modus schalten konnten. Und zwar ohne das gelungene digitale Programm deshalb zu vernachlässigen.

Hofft auf ein volles oder zumindest volleres Haus 2022: Ruhrfestspiel-Intendant Olaf Kröck. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Nicht nur, aber gerade in Corona-Zeiten ist die Fixierung auf Zuschauerzahlen ja eigentlich Quatsch. Dennoch: Wie ist das Angebot angenommen worden? Wie viele Menschen – oder Accounts, die Zuschauer-Zahl kennt man ja nie genau – haben beim Streaming mitgemacht? Und: Ist das wegen des Erfolgs in der Zukunft ein Zusatzangebot?

Es war wegen der vielen Analyse-Ebenen nicht leicht, die Zahlen zu ermitteln. Jetzt wissen wir, die Ruhrfestspiele hatten 27.000 Besucher. Das ist eine erstaunliche Zahl. Es waren ungefähr 14.000 Besucher live vor Ort, 13.000 im Digitalen Ruhrfestspielhaus. Dabei haben wir nur die einzelnen Zugriffe gezählt und nicht versucht, hochzurechnen, wie viele Leute da jetzt wirklich vor dem Computer gesessen haben.

Bei diesen hybriden Festspielen war ich über Vieles wirklich erstaunt: Die Installation „Happiness“ auf dem Recklinghäuser Kirchplatz zum Beispiel, in die jeweils nur eine Person für 20 Minuten rein durfte, haben 420 Menschen gesehen. Auf die Eröffnung haben 1900 Accounts zugegriffen und „Don Quichote“ 800 Computer gestreamt. Deutlich mehr als wir zu dieser Zeit hätten in das Festspielhaus setzen dürfen. Vor allem hat das digitale Programm möglich gemacht, über Social-Media Kanäle, unser Homepage und das Digitale Ruhrfestspielhaus mit viel mehr Menschen weltweit zu kommunizieren als je zuvor.

Auf Ihre Frage: Was bleibt für die Zukunft? Wir sind überrascht gewesen, wie schnell sich die Erwartungen der Zuschauer verändern. Wir haben zum Beispiel mit dem Stadion Hohenhorst einen wirklich fantastischen Veranstaltungsort gefunden. Ob dieser Ort allerdings im nächsten Jahr immer noch die gleiche Anziehungskraft haben könnte wie jetzt in dieser ganz besonderen Situation, das weiß ich noch gar nicht. In diesem Jahr war das Stadion perfekt.

Das Gleiche gilt für das Digitale. Es gab Anfang Mai keine andere Möglichkeit. Mancher mochte das nicht oder war zunächst skeptisch. Aber es ging ja tatsächlich nur digital oder gar nicht. Und es hatte Vorteile. Die „Reportagen“ zum Beispiel verzeichneten doppelt so viele Zuschauer wie im ersten Jahr. Menschen von überall auf der Welt konnten zusehen. Unsere älteste digitale Zuschauerin war 96. Sie meinte, ohne das digitale Angebot hätte sie die Ruhrfestspiele nicht erleben können. Jetzt brauchen wir erst einmal eine Zeit der weiteren, genauen Beobachtung, wie sich unser gesellschaftliches Leben nach Corona wieder entwickelt.

Corona beutelt und beutelte jeden Veranstalter, jeden Theatermacher, erst recht ein großes Festival. Wie sieht es aktuell finanziell aus?

Es sieht gut aus, weil wir von Anfang an defensiv gerechnet haben. Verkürzt ausgedrückt: Wir haben nicht mit Einnahmen gerechnet. Und jetzt haben wir doch welche. Wir haben uns nicht wirklich in ein ökonomisches Risiko begeben – und waren auch nicht spekulativ. Zudem sind uns unsere wichtigen Sponsoren wie Evonik, westenergie und die RAG Stiftung zum 75. Geburtstags treu geblieben. Wir haben zwar auch Ausfallhonorare gezahlt. Natürlich. Aber an einigen Stellen auch weniger ausgegeben – bei Reisen und Hotelkosten zum Beispiel.

Wenn man viel Hoffnung hätte, sähe man uns 2022 alle safe, alle geimpft, alle Corona-frei: Was erwarten Sie, hoffen Sie, planen Sie für den 76. Geburtstag der Ruhrfestspiele?

Ich will kein Party-Crasher sein. Aber nach unseren Erfahrungen gehe ich davon aus, dass wir auch 2022 noch mit Corona zu tun haben werden. Auf verschiedenen Ebenen. Bei einem internationalen Festival wie den Ruhrfestspielen mit internationalen Gästen wird man sehen: ,Wir‘ werden wahrscheinlich alle geimpft sein, aber was ist mit dem Rest der Welt? Welche Einreiseregeln werden gelten? Werden wir GGG-Kontrollen brauchen? Wie voll dürfen die Säle sein?

Wir tun gut daran, vorsichtig zu sein, nicht in eine falsche Euphorie zu verfallen. Dennoch bin ich zuversichtlich, dass es sehr viel entspannter werden wird, als es jetzt am Anfang war. Wir werden ein umfangreiches Live-Angebot haben.

Die Ruhrfestspiele 2022 werden vielleicht ein paar Tage kürzer, weil die Sommerferien in dem Jahr so früh beginnen, aber wir werden wieder live sein! Mit vielen Zuschauern in Theaterräumen– und viel Begegnung!