Bereitschaft lässt nach

Corona: So viele Bürger aus Oer-Erkenschwick sind schon geimpft

Für Bürger aus Oer-Erkenschwick, wäre es jetzt ein Leichtes, sich gegen Corona impfen zu lassen. Aber die Bereitschaft lässt nach. Der Leiter des Impfzentrums versucht eine Erklärung.
Dr. Hermann Geldmann, medizinischer Leiter des Impfzentrums in Recklinghausen, in dem sich auch Bürger aus Oer-Erkenschwick impfen lassen können, hofft, dass sich zukünftig mehr Impfwillige aus der Stimbergstadt piksen lassen werden © Jörg Gutzeit

Dr. Hermann Geldmann muss tief durchatmen. „Wir nehmen den Leuten ja nichts weg“, sagt er. Im Gegenteil: Eine Corona-Impfung schützt sie. Und dennoch: „Wir bieten sie gerade an wie sauer Bier.“ Und er weiß, wovon er spricht: Täglich hat er als Medizinischer Leiter des auch für Oer-Erkenschwick zuständigen Impfzentrums in RE mit dem Thema zu tun.

Was die zuletzt wieder gestiegenen und nun schwankenden Inzidenz-Zahlen angeht, sagt Geldmann: Die seien bei einer kleinen Stadt wie Oer-Erkenschwick nur begrenzt aussagekräftig. Schon ein paar Infektionen mehr oder weniger führen zu großen Ausschlägen, weil der Wert auf 100.000 Einwohner hochgerechnet wird. Dass es aber überhaupt Neuinfektionen gebe und die Null-Inzidenz in Oer-Erkenschwick Geschichte sei, das sei „schon ein Warnsignal“, sagt der Mediziner.

Geldmann nennt konkrete Zahlen für Oer-Erkenschwick

Viel wird spekuliert, wie viele Bürger aus Oer-Erkenschwick denn nun eigentlich schon geimpft seien. Geldmann kann da mit Zahlen helfen, jedenfalls was das Impfzentrum angeht. Stand vom Mittwoch vergangener Woche (14.7.) sind das bei den Erstimpfungen unter 18 Jahre: 66 Bürger aus Oer-Erkenschwick; 18 bis 59 Jahre: 3.269; über 60: 3.805. Vollständige Impfungen: unter 18 Jahre: zwölf; 18 bis 59: 2.934; über 60: 3.618.

Heißt: Im Impfzentrum sind insgesamt 7.140 Bürger aus Oer-Erkenschwick erst- und 6.564 vollständig geimpft. Oer-Erkenschwick hat etwa 31.000 Einwohner, darunter sind freilich auch Kinder und Jugendliche.

Hinzu kommen Impfungen bei niedergelassenen Ärzten, in Betrieben, Krankenhäusern und Altenheimen. „Im Schnitt machen die Zahlen in den Impfzentren etwa 50 Prozent der Gesamtzahlen aus“, weiß Geldmann. Man müsste sie demzufolge etwa verdoppeln, um eine grobe Schätzung zu bekommen, wie viele Oer-Erkenschwicker geimpft sind. Das bedeutet nach dieser Rechnung: Etwa 42 Prozent der Bürger der Stimbergstadt verfügen Stand Mitte Juli über einen vollständigen Impfschutz.

Impfbereitschaft ist aber vergleichsweise niedrig

Keine schlechten Zahlen, doch es gibt eben das aktuelle Problem: Die Hürden, sich impfen zu lassen, waren noch nie so niedrig wie jetzt – die Impfbereitschaft aber auch. Eine Erfahrung, die Geldmann mit den niedergelassenen Ärzten im Ostvest teilt. Und die Zahl der Geimpften, sie ist noch immer nicht groß genug. Geldmann sieht drei Gruppen: Diejenigen, die von Anfang an unbedingt geimpft werden wollten. Die haben nach den bekannten Problemen mit der Impfstoff-Knappheit bis vor einigen Wochen inzwischen fast alle ihren doppelten Piks bekommen. Dann gibt es die hartgesottenen Impf-Gegner, mit denen aus Geldmanns Sicht jede Diskussion zwecklos ist. Die kann man für die Impfkampagne abschreiben.

Hartgesottene Impfgegner schon abgeschrieben

Und dann gibt es eben jene dritte Gruppe von Menschen, die man nun mit allen Mitteln erreichen will, die sich aber zieren und zu warten scheinen, bis man ihnen das Impf-Angebot noch mundgerechter macht oder bis es mehr Vergünstigungen wie in den USA gibt, wenn man sich dafür entscheidet. „Absurd“ sei es teils, wie man sie schon fast „anbetteln“ müsse, sich impfen zu lassen, sagt Geldmann. Aber im Sinne einer hohen Impfquote, die insbesondere zum Schutz vor der Delta-Variante unerlässlich ist, lässt er sich darauf ein.

Betrübt sieht er, wie leer aktuell das Impfzentrum in Recklinghausen ist, dass auch für Oer-Erkenschwicker als Anlaufstelle für die Immunisierung dient: Zwischen 435 und 533 Impflinge kamen laut Kreis-Pressestelle Mitte/Ende vergangener Woche, nur am Sonntag waren es mit 936 Personen mehr, wegen eines Zweitimpfungs-Termins nach genau zwölf Wochen. Aber insgesamt ist die Auslastung zurzeit weit unter der Kapazitätsgrenze des Impfzentrums von 2500 bis 3000 Impfungen täglich.

Mancher hat noch gar nicht über eine Impfung nachgedacht

Derweil treffen die Ärzte immer wieder auf Patienten, die ihnen sagen, übers Impfen hätten sie noch gar nicht nachgedacht. Früher, als Geldmann noch als Hausarzt praktizierte, sagten ihm manchmal Bürger, die er auf die Auffrischungs-Impfung gegen Tetanus oder Diphtherie ansprach, das hätten sie ganz aus den Augen verloren. Das sei ja verständlich, sagt Geldmann. Aber Corona – ein Thema, das laufend in den Medien ist? Der Arzt kann sich nur wundern.

Woran diese Gleichgültigkeit liegt? Geldmann sagt, wahrscheinlich fehle es aktuell an der Anschauung, welche schweren Folgen eine Covid-Erkrankung haben könne. Viele haben, so scheint es, Geschichten von Menschen vergessen, die es schwer erwischt hat und die immer noch an Spätfolgen leiden.

Über „Long Covid“, die Langzeit-Folgen der Infektion mit dem Coronavirus, die in den tagesaktuellen Statistiken nicht erfasst sind, werde überhaupt viel zu wenig gesprochen, sagt Geldmann. Dabei gebe es auch in Oer-Erkenschwick Menschen, die heute noch massiv unter den Folgen litten.

Coronazahlen unverändert

  • Die Coronazahlen für Oer-Erkenschwick bleiben auch zum Start ins Wochenende unverändert.
  • Es gibt keine Neuinfektion (gesamt 1.765) und keinen weiteren Gesundeten (1.693).
  • Der Inzidenzwert verharrt den fünften Tag in Folge bei 12,7.
  • Vier Bürger sind noch an Covid-19 erkrankt.

Der Abend in Oer-Erkenschwick

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