Zwischen Kunst und Klischee

Graffiti-Sprayer sind am Bauhof am Werk – das steckt dahinter

Bemalte Hauswände oder Straßenschilder, das ist das Graffiti-Klischee. Doch unter den Sprayern gibt es echte Künstler, die haben am Stimberg nun einen Platz, um ihre Kreativität auszuleben.
Dass die Sprayer um Dennis der Stadt und Bürgermeister Carsten Wewers dankbar sind, einen Ort für ihre Kunst zu haben, haben sie in einem der Werke auch gleich verewigt. Wewers schaute sich den Fortschritt der Werke selbst an, und spendierte 20 Spraydosen. © Regine Klein

Wer an Graffiti denkt, hat zuallererst illegal beschmierte Hauswände oder Züge im Sinn. Ein Vorurteil, das auch Sprayer Dennis (Nachname der Redaktion bekannt) nur zu gut kennt. „Schnell wird man damit verbunden. Viele wissen gar nichts von meinem Hobby“, erzählt der 27-Jährige. Dabei ist der junge Mann eigentlich ein Künstler, hat schon als Kind mit dem Zeichnen begonnen.

Doch als Graffiti-Künstler hat man ein Problem: Es fehlen die legalen Flächen für die Sprühkunst. Bislang gab es in Oer-Erkenschwick am Stimbergstadion eine, jetzt gibt es im Stadtgebiet eine zweite. „Anfang Mai bin ich hier mit meiner Freundin vorbeigefahren“, erinnert sich Dennis. Hier, das ist die alte Lagerhalle auf dem Bauhofgelände an der Zufahrt zur Containerstation. „Ein idealer Ort“, wie der 27-Jährige meint, und sofort Bürgermeister Carsten Wewers anschreibt, ob eine Nutzung als offizielle „Sprayer-Wand“ möglich sei.

Wände der Halle für Graffiti-Sprayer freigegeben

„Zu diesem Zweck erscheint eine alte Industriehalle doch perfekt“, ist Wewers von der Idee begeistert. Und nach kurzer Absprache steht fest: Die Wände der Halle werden für Graffiti-Sprayer freigegeben. „Wir haben bereits am Stadion gute Erfahrungen damit gemacht“, erzählt der Bürgermeister, der die Graffitis an der alten Wand eben auch als Aufwertung des Ortes sieht.

Der Vorteil für die Graffiti-Künstler: Die Lagerhalle ist frei zugänglich, Nachbarn, die gestört werden könnten, gibt es keine. Die Kreativen hoffen nun, dass sich vielleicht auch noch weitere Personen melden, die ähnliche Freiflächen zur Verfügung stellen können.

Grillwürstchen vom Hausmeister

Am Sonntagnachmittag ist es schließlich so weit, und sechs Graffiti-Sprayer nehmen ihr Werk auf. „Wir freuen uns sehr, dass es geklappt hat. Das ist keine Selbstverständlichkeit und sieht in anderen Städten ganz anders aus“, sagt Dennis, der am Vortag sogar selbst noch Unkraut vor der Halle gerodet hat.

Besuch bekommen die Künstler auch: Bürgermeister Carsten Wewers spendiert 20 Spraydosen, und schaut sich die bunten „Pieces“ – so heißen die aufwändigen Werke, die meist mehrfarbig sind und sich über eine größere Fläche erstrecken – an. „Es ist wirklich toll geworden. Wir werden nach weiteren möglichen Flächen schauen. Und ich werde auch das Gespräch mit meinen Amtskollegen suchen.“ Und der Hausmeister freut sich auch über die bunte Abwechslung, und spendiert Grillwürstchen und Muffins zur Verpflegung.

Eine Bitte hat Graffiti-Künstler Dennis noch: „Könnten die Kollegen vom Bauhof uns vielleicht einen Müllbehälter aufstellen? Dann können wir unsere Dosen und den Müll vernünftig entsorgen.“

200 Mio. Euro Sachschaden
  • Graffiti (italienisch; Singular Graffito) steht als Sammelbegriff für thematisch und gestalterisch unterschiedliche sichtbare Elemente, zum Beispiel Bilder, Schriftzüge oder Zeichen, die mit verschiedenen Techniken auf Oberflächen oder durch deren Veränderung im privaten und öffentlichen Raum erstellt wurden.
  • Graffiti-Künstler sind auf freigegebene Flächen angewiesen, um ihrer Kunst nachzugehen. Denn illegale Graffiti sind Sachbeschädigung, der Verursacher macht sich schadenersatzpflichtig und wird strafrechtlich verfolgt.
  • Auf rund 200 Millionen Euro summieren sich alljährlich die durch illegale Graffiti verursachten Kosten, so das Ergebnis einer Studie des Deutschen Städtetags.
  • Wer mit 16 Jahren beim illegalen Sprayen erwischt wird, läuft Gefahr, bis zu seinem 46. Lebensjahr für den von ihm verursachten Schaden zur Kasse gebeten zu werden. Denn so lange gelten die zivilrechtlichen Ansprüche des Geschädigten gegenüber dem Täter. Wird nur ein einzelner Täter aus einer Gruppe von Sprayern überführt, haftet er zudem für den gesamten Schaden.

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