Corona-Pandemie

Lockdown und Kontaktverbot – das sind die Folgen für Kinder

Post-Covid-Syndrom nennt man die Langzeitfolgen nach einer akut verlaufenen Coronavirus-Infektion. Als Folge des Lockdowns steigt jetzt auch die Zahl der Kindeswohlgefährdungen.
Ein junges Mädchen hält sich die Hände vor ihr Gesicht. Die Hinweise auf Kindeswohlgefährdung haben auch in Oer-Erkenschwick deutlich zugenommen. © dpa

Die Corona-Pandemie hat ein Nachspiel. Noch sind die Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung nicht hinreichend erforscht. Die Folgen der Coronaschutz-Beschränkungen machen sich hingegen längst bemerkbar. Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl der gemeldeten Kindeswohlgefährdungen 2020 im Vergleich zum Vorjahr um neun Prozent gestiegen.

Lockdown, Kontaktverbote, geschlossene Schulen und Kindergärten sorgen in der Folge immer öfter für dicke Luft zu Hause. Das Jugendamt Oer-Erkenschwick stellt die Statistik für 2020 gerade zusammen. Die jüngsten Zahlen über Meldungen von Kindeswohlgefährdungen sind geradezu alarmierend. „Allein im Zeitraum vom 15. Mai bis zum 15. Juli hatten wir 17 Fälle. Acht Mal mussten wir eine Inobhutnahme vornehmen“, sagte Jugendamtsleiter Detlef Rabas auf Nachfrage dieser Zeitung.

Inobhutnahme bedeutet: Das Kind wird aus der Familie genommen und in eine Kinder- und Jugendeinrichtung oder in eine Pflegefamilie gegeben.

In nur zwei Monaten 17 Fälle von Kindeswohlgefährdung in Oer-Erkenschwick

„17 Fälle in zwei Monaten. Das wären hochgerechnet auf ein Jahr 102 Meldungen von Kindeswohlgefährdungen. Im Zeitraum von 2016 bis 2019 hatten wir im Schnitt jährlich 55 solcher Fälle“, sagt der Jugendamtsleiter. Bei der Hälfte der Meldungen brauchte das Jugendamt zudem nicht einzugreifen. Der Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung stellte sich bei der Überprüfung als unbegründet heraus.

In Corona-Zeiten stellt sich diese Bilanz leider ganz anders dar. Nur in zwei von zuletzt 17 Fällen musste das Jugendamt nicht einschreiten. Sieben Mal müssen Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASF) Familien zumindest ambulant unterstützen und beraten.

Betroffen waren Kinder und Jugendliche zwischen vier und 15 Jahren

Betroffen von Kindeswohlgefährdung waren Kinder und Jugendliche im Alter zwischen vier und 15 Jahren, in einem Fall waren es Geschwisterkinder. „Kinder aus der Familie zu nehmen, ist das absolut letzte Mittel, dass wir haben“, sagte Rabas. Acht Mal in nur zwei Monaten musste das Jugendamt dazu greifen: In sechs Fällen war körperliche und/oder psychische Gewalt im Spiele. Es gab einen Fall von sexuellem Missbrauch. Überforderung der Erziehungsberechtigen war ein weiterer Grund für eine Inobhutnahme. „Auf verwahrloste Kinder, die nicht genügend zu essen bekommen, oder wenn die Wohnung gesundheitsgefährdend ist, sind wir bei den Überprüfungen nicht gestoßen.“

Als psychische Gewalt bezeichnet das Jugendamt eine Kindeswohlgefährdung, wenn Eltern wegen Gefühlskälte keine emotionale Beziehung zu ihren Kindern aufbauen können. „Das ist gar nicht so selten. In der Folge werden solche Kinder emotional isoliert, was besonders bei Zwei- und Dreijährigen die Entwicklung stark beeinträchtigt“, sagte Rabas. Alarmiert wurde das Jugendamt übrigens in jeweils einem Fall von einer Offenen Ganztagsschule, dem Ordnungsamt, einem Kindergarten und dem Zentrum für Gehörlose. „Alle übrigen Meldungen kamen von der Polizei und aus Schulen“, sagte Rabas.

Kinder- und Jugendeinrichtung „junikum“ bestätigt dramatische Entwicklung

Auch die Kinder- und Jugendeinrichtung „junikum“ bestätigt die dramatische Entwicklung in Sachen Kindeswohlgefährdung. „Wir haben in den vergangenen zwei Wochen ungewöhnlich viele Anfragen von Jugendämtern für die Aufnahme von Kindern bekommen. Leider haben wir zurzeit keine freien Plätze und mussten Absagen erteilen“, sagte Geschäftsführer Thomas Kurth. Auch er will nicht ausschließen, dass Corona und die Folgen eine große Rolle bei der steigenden Nachfrage nach Betreuungsplätzen spielen. Die wenigsten Kinder und Jugendlichen in der Einrichtung kommen im Übrigen aus Oer-Erkenschwick. Das „junikum“ arbeitet mit insgesamt 23 Jugendämtern zusammen.

Der Abend in Oer-Erkenschwick

Täglich um 18:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.