Privates Unternehmen

Nur OP- statt FFP2-Maske – Fahrer wirft Geschwister aus dem Bus

Eigentlich wollten die Schwestern wie stets mit einem privaten Fahrunternehmen zu ihrem Arbeitsplatz in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen fahren. Doch der Fahrer warf sie raus.
Es geht um FFP2-Masken wie diese: Annerose Weber ärgert sich maßlos darüber, dass ein privates Busunternehmen ihre Töchter nicht vom Calluna-Haus in Oer-Erkenschwick zu ihrer Arbeit in den Recklinghäuser Werkstätten fahren wollte, weil die beiden 31-Jährigen keine FFP2-Masken tragen können, stattdessen aber medizinische Masken nutzen. © Meike Holz

Der Schock steht Annerose Weber aus Oer-Erkenschwick auch noch einige Zeit nach „dieser unschönen Sache“ ins Gesicht geschrieben. Sie ist Mutter von 31-jährigen Zwillingsschwestern, die beide Trisomie 21 haben. „Selbst Experten können nicht genau sagen, wie Menschen mit Behinderung in einer Extremsituation reagieren. Nicht auszumalen, was hätte passieren können“, erzählt Annerose Weber.

Zur Arbeit mit privatem Fahrdienstleister

Es war Ende Mai. Nachdem die Zwillinge wegen der Corona-Pandemie mehrere Wochen daheim verbracht hatten, sollten sie wieder in ihren normalen Alltag zurück. Die Schwestern leben in einer Wohngemeinschaft im Calluna-Haus der Lebenshilfe. „Außerdem hatten beide zu diesem Zeitpunkt auch ihre Impfung vollständig“, erklärt die Mutter. Also gingen beide wieder zu ihrer Arbeit in einer Diakonie-Werkstatt in Recklinghausen. Ein privates Fahrunternehmen holt die Schwestern von ihrem Wohnhaus ab und bringt sie nach Recklinghausen – und auch wieder umgekehrt.

„Einen Abend sagten sie zu mir: ‚Der Busfahrer nervt‘“, erinnert sich die Mutter. Sie wurde hellhörig. Der Fahrer hatte die jungen Frauen harsch darauf hingewiesen, sie müssten eine FFP2-Maske tragen. Da beide aber auch aus gesundheitlichen Gründen mit diesen Masken nicht zurechtkommen, tragen sie die vorgeschriebenen OP-Masken. „Außerdem handelt es sich bei der Linie, die meine Töchter benutzen, eben nicht um eine mit FFP2-Masken-Pflicht“, erklärt Weber. Sie wurde aber vom Fahrdienst darauf hingewiesen, dass auch private Unternehmen sehr wohl den gleichen Corona-Schutzmaßnahmen unterliegen wie der Öffentliche Nahverkehr. Und hier galt zu diesem Zeitpunkt noch die FFP2-Maskenpflicht. Also schrieb die erzürnte Mutter dem Fahrer einen Brief, in dem sie nicht nur auf diesen Sachverhalt hinwies, sondern auch darauf, dass er den Fahrgästen beim Einsteigen behilflicher sein solle.

Fahrer schmeißt Schwestern aus Oer-Erkenschwick raus

Eben jenen Brief überreichten die Schwestern an jenem Morgen dem Fahrer, und setzten sich auf ihre Plätze. Dann soll der Fahrer kurz telefoniert haben, und schmiss dann die beiden Frauen kurzum aus dem Kleinbus, und fuhr einfach davon. Um 6.50 Uhr klingelt dann bei Annerose Weber das Telefon. „Es war der Nachtdiensthabende der Lebenshilfe. Er hatte die Mädels bemerkt und mich verständigt. Das war ein großes Glück, denn oft sind die Diensthabenden um diese Uhrzeit schon nicht mehr im Haus.“ Das Problem: Die jungen Frauen vergessen gerne ihren Schlüssel. „Und niemand kann genau sagen, wie Menschen mit Behinderung in einer Extremsituation reagieren. Wir wissen nicht, was die Mädels gemacht hätten, wäre der Lebenshilfe-Mitarbeiter nicht vor Ort gewesen. Nicht auszudenken, was alles hätte passieren können“, berichtet Annerose Weber, die lange überlegte, ob sie mit dem Geschehenen an die Öffentlichkeit gehen soll.

Anderen Eltern auch aus Oer-Erkenschwick Mut machen

Sie fürchtet Repressalien für ihre Töchter. „Es mag sein, dass der Fahrer zornig war wegen des Briefes, das kann ich nachvollziehen. Aber dann soll er das an mir auslassen. Meine Töchter können sich nicht wehren.“ Und genau deshalb wandte sich Annerose Weber an die Stimberg Zeitung: „Ich möchte anderen Eltern von Kindern mit Behinderung Mut machen, solche Vorfälle nicht schweigend hinzunehmen.“

Stellungnahme des Unternehmens

Mittlerweile haben die Schwestern ein ärztliches Attest, keine FFP2-Maske tragen zu können, und benutzen stattdessen weiterhin OP-Masken. Sie fahren weiterhin regelmäßig mit dem Fahrunternehmen, das in einer Stellungnahme auf die zu diesem Zeitpunkt geltende Coronaschutzverordnung (§5 Abs. 2 Satz 1 CoronaSchVO) verweist. Weiter heißt es: „Das Tragen einer entsprechenden Atemschutzmaske im Bereich der Beförderung ist also per Verordnung bereits eindeutig geregelt. Der Verordnungsgeber hat weiter, für den Fall dessen, dass Personen im Bereich der Beförderung keine Maske tragen, verordnet, dass diese gemäß §5 Abs. 8 CoronaSchVO von der Nutzung auszuschließen sind. Der Mitarbeiter hat sich in diesem Fall also lediglich an die zu diesem Zeitpunkt gültige CoronaSchVO gehalten und die betreffenden Personen von der Beförderung ausgeschlossen. Ein Fehlverhalten unseres Mitarbeiters können wir zum jetzigen Zeitpunkt auf Grundlage des geschilderten Sachverhalts und der rechtlichen Beurteilung derzeit nicht feststellen. In diesem Zusammenhang sei abschließend darauf hingewiesen, dass Personen, die aus medizinischen Gründen keine Maske tragen können, dieses durch ärztliches Zeugnis nachzuweisen haben. Diese erfolgt im Regelfall durch unseren Auftraggeber und wird dann im Auftrag vermerkt, so dass die sichere Beförderung aller gewährleistet werden kann.“ Annerose Weber: „Ich hätte mir doch nur gewünscht, dass sich der Fahrer bei den Zwillingen entschuldigt.“

Experten-Meinung

„Das Verhalten ist befremdlich“, sagt Andriana Sakareli, zuständig für

Kommunikation und Touristik im Verband Nordrhein-Westfälischer Omnibusunternehmen. Zwar stimme es, dass auch der private Omnisbussektor, sobald er wie der Linienverkehr geregelt ist, dem Öffentlichen Nahverkehr in seinen Corona-Schutzmaßnahmen gleichgestellt sei, und damit eine FFP2-Maske getragen werden müsse, aber: „Die Coronaschutzverordnung sieht laut Paragraph 5 vor, dass Menschen mit ärztlichem Attest oder mit einer Behinderung nicht verpflichtet werden können, eine FFP2-Maske oder eine OP-Maske zu tragen“, erläutert Sakareli. Menschen mit Behinderung einfach aus dem Bus zu werfen, sei ihrer Meinung nach ein inakzeptables Verhalten und widerspreche der Fürsorgepflicht eines Menschen. „Die vielen Regeländerungen überfordern viele. Wir haben viele Anfragen von Unternehmen. Trotzdem sollten die Regeln den Unternehmen bekannt sein.“

Der Abend in Oer-Erkenschwick

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