Der Wochenkommentar

Warum es sich lohnt, Sonntag um 18 Uhr auf den Netflix-Film zu verzichten

Zwar hat die CDU in den vergangenen Tagen den Rückstand auf die SPD verkürzt, und auch im Ostvest sehen Datenexperten die SPD vorn - aber es könnte dennoch ein spannender Abend werden.
Jörn Tüffers ist Ressortleiter Ostvest. © privat

Wenn man den Umfragen, den Meinungsforschern und den Experten folgen würde, könnten wir am Sonntagabend ab 18 Uhr getrost einen spannenden Film bei Netflix, Disney oder sonst wo streamen: Das Rennen ist gelaufen, die SPD liegt vorne, Olaf Scholz wird Kanzler, die Grünen verpassen eine historische Chance, die CDU leckt ihre Wunden, während sich Markus Söder schon für 2025 in Position bringt, die FDP sagt wieder, dass sie zu einer Regierungsbildung bereit ist, die Linken hadern mit sich selbst, und die AfD hat‘s eh gewusst.

Nun zeigt das Ruhrgebiet, dass eine SPD-geführte Regierung nicht zwingend den Untergang des Abendlandes bedeutet – wenn auch auf anderer Ebene und in anderer Konstellation. In Datteln steht SPD-Mann André Dora, der am Sonntag 51 Jahre alt wird, nun schon seit sechs Jahren an der Spitze des Rathauses; Marcel Mittelbach in Waltrop seit dem vorigen Jahr. In der einstigen roten Hochburg Oer-Erkenschwick liegt diese personelle Konstellation schon etwas länger zurück – erinnerlich dürfte sie den meisten gleichwohl noch sein. Aber vielleicht machen es Armin Laschet und die CDU ja auch getreu dem Motto „Totgesagte leben länger“.

Erstens kommt es anders . . .

Ich gebe um all diese Umfragen nichts. Wie hat doch schon Oma gesagt: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Nun mögen die Umfragen und der Umstand der hohen Briefwahlbeteiligung darauf hindeuten, dass Scholz und SPD vorne liegen. So sieht der Datendienstleister election.de auch in den beiden Bundestagswahlkreisen Recklinghausen I (Waltrop, Castrop-Rauxel und Recklinghausen) und Recklinghausen II (Datteln, Oer-Erkenschwick, Haltern, Herten und Marl) die Sozialdemokraten und ihren jeweiligen Direktkandidaten vorn.

Aber möglicherweise machen all jene die Rechnung ohne die Unentschlossenen. Zwischen 30 und 40 Prozent der Wahlberechtigten sollen das sein. Und wenn ich mich in meinem Freundeskreis so umhöre, stimmt es: Vielen fällt die Entscheidung so schwer wie selten zuvor. Das mag was mit Programmen, Kandidaten und dem Umstand zu tun haben, dass uns immer wieder suggeriert wird, dass so viel wie nie zuvor auf dem Spiel steht.

Noch viele Unentschlossene

Ich hoffe nur, dass all das die Unentschlossenen und Zögernden nicht als Ausrede anbringen, warum sie nicht wählen. Es gibt meiner Überzeugung nach keine wirklich überzeugenden und plausiblen Gründe, warum man einer Wahl fern bleibt. Alle paar Jahre von seinem demokratischen Recht einer freien Wahl Gebrauch zu machen, sollte niemanden überfordern. Und aus einem Angebot von gut zwei Dutzend Parteien und neun bzw. zehn Direktkandidaten muss ein politisches Programm vertreten sein, mit dem man sich identifizieren kann. Zumindest in den wichtigen Fragen.

Alles andere ist Gleichgültigkeit, Desinteresse und Bequemlichkeit.

Der Abend in Oer-Erkenschwick

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