Kinderbetreuung

Damit Job und Familie funktionieren: Tagesmütter dringend gesucht!

Recklinghausen braucht Tagesmütter: Nachdem einige aufgehört haben oder weggezogen sind, sucht das Jugendamt dringend weitere „Miet-Mamis“, damit Job und Kinder miteinander vereinbar sind.
Viel Spaß auf dem Fußboden: Tagesmutter Katharina Venetis spielt mit (v.l.) Paulina, Greta, Ida, Phil und Kai. © Ulrike Geburek

Greta (2), Kai (1), Paulina (1), Phil (2) und Ida (1) – das ist Katharina Venetis‘ (40) Rasselbande. „Und was für eine“, sagt die Tagesmutter und strahlt. Sie ist eine von (nur noch) 107 Tagesmüttern, die in Recklinghausen 350 Jungen und Mädchen im Alter von bis zu drei Jahren betreuen. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren waren es 115 mit 205 Kindern. Fakt ist: Es fehlt an „Miet-Mamis“. Zumal: „Das Interesse an der Tagespflege wird immer größer“, berichtet Tanja Kerle, die beim Jugendamt für diesen Bereich zuständig ist.

Noch vor Jahren war die Tagesmutter die Rettung für jene, die keinen der begehrten Kita-Plätze ergattern konnten, darunter viele Alleinerziehende. Doch das hat sich längst gewandelt. Die individuelle Betreuung in kleinen Gruppen (bis zu fünf Kinder) oder aber in einer der 19 „Großtagespflegestellen“ ist beliebt. Dort kümmern sich dann zwei „Ersatz-Mütter“ um bis zu neun „Zwerge“. Und im „Nest“ auf dem Schulbauernhof ist sogar ein Tagesvater im Einsatz. Allerdings: Es gibt nicht genug von ihnen. Einige sind weggezogen, andere haben aufgehört.

Recklinghäuserin hat ihr Wohnzimmer umfunktioniert

„Feierabend“, sagt Katharina Venetis und stellt die kleinen Stühlchen hoch. Vor drei Jahren hat die Recklinghäuserin ihr Wohnzimmer umfunktioniert. Das große Sofa ist jetzt die Kuschelecke, der Teppich wird zum „Morgenkreis“, und in ihrem Esszimmer steht eine Mini-Küche aus Holz. „Kein Problem“, sagt sie gut gelaunt. Denn die gelernte Kosmetikerin hat endlich ihren Traumberuf gefunden. Auch ihre beiden Kinder und der Ehemann machen mit. Aber: „Im nächsten Jahr geht er in Rente, dann räume ich das Feld“, sagt sie lachend. Obwohl: Zum Lachen ist ihr eigentlich gar nicht zumute, denn es ist schwierig, eine kleine Wohnung zu finden, in der sie ihre Rasselbande fortan betreuen kann. Trotzdem: „Ich mache in jedem Fall weiter. Ich kann gar nicht ohne“, betont sie.

Opa Otto ist immer dabei: Tagesmutter Katharina Venetis bringt die kleine Ida mithilfe der lustigen Handpuppe auf andere Gedanken. © Ulrike Geburek © Ulrike Geburek

Das versteht Tanja Kerle nur zu gut. Schließlich sind ihre Tagesmütter mit Herzblut dabei: von der arbeitslosen Frau, die wieder eine Chance sieht, beruflich Fuß zu fassen, bis hin zur Rentnerin, die noch nicht zum „alten Eisen“ gehören möchte. Die meisten wollen sich etwas dazuverdienen. Manche haben keine Chance, in ihren gelernten Beruf zurückzukehren. Andere suchen einen Spielkameraden für den eigenen Nachwuchs. Nach einem 30-stündigen Pflicht-Kurs dürfen sie loslegen. Aber fast alle „Miet-Mamis“ haben auch die 160-stündige, freiwillige Aufbau-Qualifikation absolviert. Sie verdienen pro Kind und Stunde 3,60 Euro. 5,50 Euro bekommen die besser Qualifizierten.

„Doch nun ist alles anders“, erzählt Tanja Kerle. Und das bereitet ihr Bauchschmerzen. Die völlig umstrukturierte Ausbildung umfasst ab 2022 laut Gesetz mehr als 500 Stunden. „Die Frauen können also nicht sofort Geld verdienen, müssen erst einmal Zeit investieren“, erzählt die Diplom-Sozialpädagogin. Das dürfte das Interesse enorm mindern.

Die Rasselbande: Tagesmutter Katharina Venetis betreut (v.l.) Phil, Kai (unten), Paulina, Ida und Greta. © Ulrike Geburek © Ulrike Geburek

Katharina Venetis indes ist zufällig Tagesmutter geworden. Ihre Schwägerin hatte 2018 die Idee. „Da habe ich mitgemacht“, erinnert sich die Frau mit den dunkelblonden Haaren. Schließlich brauchten ihre Kinder (heute 20 und 13 Jahre) sie längst nicht mehr so intensiv. „Und bereut habe ich es nicht.“

Auch die Tatsache, dass Tagesmütter selbstständig sind, konnte sie nicht schrecken. Ob Versicherung oder Steuererklärung: „Für viele Frauen ist das aber eine Herausforderung“, weiß Tanja Kerle, die das „Puzzle“ zusammensetzt. Das heißt: Sie und ihr Team, zu dem für den nördlichen Bereich der Stadt die Expertinnen der Caritas gehören, gucken genau hin. „Die Lebensumstände sind entscheidend.“ Gibt es Tiere im Haus? Wo schläft der Partner, wenn er aus der Nachtschicht kommt? Und wie sicher ist die Wohnung? Fragen über Fragen. Erst wenn die Fachfrauen zufriedenstellende Antworten bekommen, erhalten die Möchtegern-Tagesmütter eine Zusage. „Schade nur, dass es im Moment keine große Auswahl gibt“, bedauert Tanja Kerle. Erschwerend kommt hinzu: Es passt nicht immer.

Zeigt her eure Hände: Tagesmutter Katharina Venetis mit (v.l.) Paulina, Phil und Greta. © Ulrike Geburek © Ulrike Geburek

Diese Erfahrung hat Katharina Venetis ebenfalls gemacht. „Aber das ist die Ausnahme“, berichtet sie. In der Regel stimmt die Chemie. So auch mit Paulina. Die Kleine kam im vergangenen September im Alter von neun Monaten zu ihr. Zur Freude von Mutter Sarah Ebing. „Das war total entspannt. Und ich war unendlich dankbar“, erklärt sie. Zumal es auch ihr nicht leichtgefallen ist, Paulina „abzugeben“. „Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust: für den Beruf und für die Familie. Und ich hatte immer wieder zwiespältige Gefühle“, gesteht Sarah Ebing, „doch das ist unnötig. Es funktioniert super.“

Das kann Katharina Kolano bestätigen. „Erst habe ich mich wie eine Rabenmutter gefühlt, als ich meinen Felix mit sieben Monaten zu Katharina brachte“, erinnert sie sich. Aber sie hatte die Chance auf eine Stelle als „Pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte“. „Die musste ich nutzen.“ Und schon nach einem Tag waren alle Bedenken verflogen. „Ich konnte beruhigt zur Arbeit gehen.“

Spielplätze am Rathaus und im Tierpark sind beliebt

Katharina Venetis‘ Tag beginnt um 7.30 Uhr. Greta steht meistens als Erste vor der Tür. Um 14.30 Uhr ist dann Schluss (mit lustig). Die 40-Jährige hat bis dahin im Bällebad getobt, gesungen und gemalt, im Kaufladen bedient oder ihren Bollerwagen (mit allen fünfen) durch RE geschoben, sei es zum Spielplatz hinter dem Rathaus oder in den Tierpark am Festspielhaus. „Das ist genial. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal mit Kindern durch Pfützen springe. Das habe ich nicht einmal mit meinen eigenen gemacht“, verrät sie. Und es geht noch besser: „Ich lache den ganzen Tag, ich tanze und male mit Fingerfarben. Was will ich mehr?“ Halt. Stopp. Da gibt es noch eine Steigerung: das Glücksgefühl, wenn die Kleinen nach „Mama“ und „Papa“ plötzlich „Rina“ sagen.

INFO: Wer sich für die Ausbildung zur Tagesmutter (oder zum -vater) interessiert, kann sich bei Tanja Kerle melden: Tel. 02361/502215.

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