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Nerz-Dame Wilma im Tierpark auf überlebenswichtiger Mission

Wenn Wilma wach wird, ist sie nicht zu halten. Die Nerz-Dame ist quicklebendiger Teil eines Projekts zur Erhaltung Europäischer Nerze. Sie bekommt Kost und Logis im Tierpark Recklinghausen.
Seit April bekommt Nerzdame Wilma Kost und Logis im Tierpark. Der Zoo beteiligt sich damit am Artenschutzprogramm des Vereins „Euro-Nerz“. © Jörg Gutzeit

Ob Zoom Erlebniswelt in Gelsenkirchen oder der kleine Tierpark Recklinghausen – alle Zoos müssen die Auflage erfüllen, einen Beitrag zum Erhalt von Tierarten zu leisten, die in freier Wildbahn bedroht oder gar ausgestorben sind. „Wisente oder Wildpferde können wir nicht halten, aber Nerze schon“, sagt Tierparkleiter Stefan Klinger. 1925 wurde der letzte wilde Nerz in Deutschland gefangen. Die Tiere wurden wegen ihres hübschen Fells gejagt, gleichzeitig wollten die Menschen sie von ihren Häusern und Höfen fern halten. Mit den dänischen Farmnerzen, die in der Pandemie als Coronaviren-Träger Schlagzeilen machten, haben die Europäischen Nerze übrigens nichts gemein.

Seit 1998 versucht Euro-Nerz, die Marder-Art in Deutschland wieder anzusiedeln. Recklinghausen unterstützt das Vorhaben. Elisabeth Schüller, leitende Tierpflegerin, hatte vorgeschlagen, sich am Projekt zu beteiligen. Der Förderverein finanzierte den Umbau der ehemaligen Volieren mit 3500 Euro.

Wo früher viele Silberfasane und Halsbandsittiche lebten, wohnt jetzt nur noch eine „Person“, oder besser gesagt: Persönlichkeit. Denn das ist Wilma auf jeden Fall. „Aber sie fühlt sich nicht einsam“, betont Elisabeth Schüller, „denn der Europäische Nerz ist ein Einzelgänger.“ Nur zur Paarungszeit suchen die Tiere Nähe. Euro-Nerz hilft da der Natur auf die Sprünge, bringt Männlein und Weiblein im Verpaarungszentrum zusammen.

Guten Appetit: Dieses Mal bekommt Nerz-Dame Wilma Fleisch serviert, es darf aber auch mal Fisch oder ein rohes Ei sein. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Jung-Mutter frisst ihre Kinder

Als Wilma im April nach Recklinghausen kam, war nicht nur sie guter Hoffnung. „Im Mai habe ich ein Junges entdeckt“, blickt Stefan Klinger zurück. Da die Tiere laut den Vorgaben von Euro-Nerz aber möglichst natürlich gehalten werden sollen, ließen Elisabeth Schüller und ihr Team die Mama in Ruhe und schauten nicht in den Bau: „Erst nach den erlaubten vier Wochen haben wir geguckt und nichts mehr gefunden.“ Da Wilma zum ersten Mal geworfen hatte, wird sie ihren Nachwuchs wahrscheinlich aufgefressen haben. „Das kommt bei Jung-Fähen durchaus mal vor“, erklärt die Tierpflegerin.

Aber selbst wenn der erste Wurf durchgekommen wäre, würde die Familie jetzt nicht mehr zusammenleben. Denn wenn die Kinder groß werden, und das sind sie nach etwa zwölf Wochen, ist Schluss mit der mütterlichen Zuneigung: „Dann rivalisieren sie sich.“ Die Tiere wären wahrscheinlich am Steinhuder Meer ausgewildert worden.

Wenn Tierpflegerin Elisabeth Schüller sie lockt, kommt Wilma meistens sofort. In freier Natur würde die Nerz-Fähe ihr Zutrauen sofort wieder verlieren und menschenscheu werden. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Ob Wilma eines Tages in freier Natur leben wird, weiß Elisabeth Schüller nicht. „Das entscheidet allein Euro-Nerz“, erklärt sie. Aber Kost und Logis im Tiergarten ähneln dem natürlichen Umfeld sehr. So servieren die Pfleger ihr das, wovon sie sich auch „draußen“ ernähren würde: Ratten, kleine Kaninchen, Eier… Auch mal Fische, da Nerze nur in Wassernähe leben. Darum gibt es in Wilmas Gehege auch kleine Teiche.

Sobald sich ein Pfleger mit den Leckereien nähert und auch nur leise ruft, kommt die Fähe hervor. Zur Fütterung des kleinen Raubtieres vor der Foto- und Videokamera gibt’s Fleisch – gehackt und als ganze Maus. Doch vor den fremden Männern ziert Wilma sich zunächst, verkrümelt sich. Da ihr Gehege aus zwei Räumen besteht, die durch schmale Drahtübergänge verbunden sind, kann sie sich zurückziehen.

Wer guckt denn da? Der Brückengang verbindet die zwei „Zimmer“ der Nerzdame. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Wilma schnappt sich eine Maus

Aber dann erliegt sie doch der Verlockung – sei es dem Rufen von Elisabeth Schüller oder dem Duft. Wilma huscht durch ihren Tunnel, guckt vorsichtig aus ihren schwarzen Knopfaugen, schnappt sich eine Maus aus der Schale und flitzt ebenso hurtig zurück. Erst versteckt sie ihre „Beute“, dann wagt sie sich zurück an den Futternapf. In der Natur müsste der Nerz sich Mäuse fangen, doch Zoos dürfen keine lebenden Tiere verfüttern.

Über Wilmas weitere Zukunft ab dem Winter entscheidet Euro-Nerz: Vielleicht empfängt sie zur nächsten Paarungszeit Besuch von einem „Wilhelm“, vielleicht wird sie abgeholt und im Verpaarungszentrum gedeckt. Ob sie oder ein anderes Weibchen dann in den Tierpark kommt, ist ebenfalls offen.

2022 klappt es dann hoffentlich mit dem Nerznachwuchs. Denn Jungtiere auszuwildern, ist die einzige Möglichkeit, damit der Europäische Nerz in Deutschland wieder heimisch wird. „Wir sind stolz, dabei zu sein“, sagt der Tierpark-Leiter. Zumal im kleinen Zoo mit der Projektteilnahme die ehemaligen Volieren, die sonst leer gestanden hätten, mehr als sinnvoll genutzt werden. „Da die Projektteilnahme immer von Jahr zu Jahr verlängert wird, steht sie dem Masterplan für die langfristige Weiterentwicklung des Tierparks nicht im Weg“, ergänzt er. Obwohl Wilma und ihre Artgenossen auch jetzt schon hervorragend ins Konzept passen, vorwiegend heimischen Tierarten einen Lebensraum zu bieten.

Info: Wir stellen ihnen ab sofort in loser Folge die Bewohner des Recklinghäuser Tierparks vor. Wilma macht den Anfang.

Der Europäische Nerz gehört zur Familie der Marder und wiegt etwa 400 bis 900 Gramm. Er hat Schwimmhäute zwischen den Zehen, ein Beweis für seine ans Wasser gebundene Lebensweise. Das Fell ist dicht und schokoladenbraun gefärbt, nur Schnauze und Kinn sind weiß. Diese Zeichnung unterscheidet ihn von dem äußerlich sehr ähnlichen Amerikanischen Mink, die auf Nerzfarmen zur Pelzgewinnung gezüchtet werden.

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