Tier der Woche

Riesige Dorngespenstschrecke macht sich am liebsten unsichtbar

Name und Größe machen Angst. Dabei ist die Dorngespenstschrecke, die im Tierpark Recklinghausen lebt, anhänglich. Wir haben die Rieseninsekten für unsere Serie „Tier der Woche“ besucht.
Die leitende Tierpflegerin Elisabeth Schüller stellt das „Tier der Woche“ vor, eine Dorngespenstschrecke. Die Rieseninsekten sehen zwar nicht so aus, sind aber harmlos und nur für Brombeerblätter gefährlich. © Jörg Gutzeit

Na, wo laufen Sie denn? Gar nicht, sie ruhen. Auf einem knorrigen Stück Holz verharren die Dorngespenstschrecken, sind eins mit ihrem Umfeld. „Wer so groß und unbeweglich ist, macht sich am besten unsichtbar. Das nennt sich Mimese“, erklärt Elisabeth Schüller, leitende Tierpflegerin im Tierpark Recklinghausen, die Überlebensstrategie der Insekten. Deren Weibchen können bis zu 15 Zentimeter groß werden, die Herren sind gut drei Zentimeter kürzer.

Mimese, das kennen wir von anderen Insekten, etwa denen, die sich als Blatt oder Blüte tarnen. Die andere tierische Taktik ist die Mimikry. „Das ist die Vortäuschung falscher Tatsachen“, ergänzt die Expertin. Gelb-schwarz geringelte Schwebfliegen geben sich zum Beispiel als Wespen aus. Die Dorngespenstschrecke tut halt so, als wäre sie ein totes Stück Holz. Sie weiß schließlich nicht, dass ihr im geschützten Terrarium anders als in der Wildnis von Papua-Neuguinea keine Gefahr von Fressfeinden wie Affen, Raubtieren oder auch Vögeln droht.

Die Terrarium-Wand befindet sich im Vogelhaus des Tierparks Recklinghausen. Die Dorngespenstschrecken wohnen im „Erdgeschoss rechts“. Ihre direkte Nachbarin zur linken Seite ist übrigens Vogelspinne Jessica. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

„Ich hole mal eine raus“, sagt Elisabeth Schüller. Dem videodrehenden Kollegen entfährt ein spontanes „Igitt!“ Die Tierpflegerin lacht. „Aus eben diesem Grund habe ich die Dorngespenstschrecke als unser Tier der Woche ausgewählt“, entgegnet sie, „sie ist überhaupt nicht fies und hat ein richtig niedliches Gesicht.“

50 „Ladys“ und „Gentlemen“ leben im Terrarium

Rund 50 Tiere von der frisch geschlüpften Nymphe bis zum knapp zwei Jahre alten „Opa“ leben im Tierpark. Anders als bei Nerzdame Wilma oder Vogelspinne Jessica ist eine Namensgebung da nicht möglich. Aber Elisabeth Schüller spricht von der „Lady“, die sie auf die Hand genommen hat. Die hebt erst etwas träge ihren Kopf, tastet sich mit ihren langen Fühlern voran. „Mit ihren süßen Knopfaugen können sie nicht wirklich gut sehen“, klärt die Expertin auf.

Nun kommt doch Bewegung in die Dame, behutsam spaziert sie die Hand hinauf. Elisabeth Schüller zeigt auf den stattlichen Dorn am Hinterteil, der der Schrecke neben ihrem gespenstischen Aussehen den Namen gibt: „Damit sticht sie aber nicht zu, sondern legt ihre Eier in den Boden.“ Rund vier Monate später schlüpfen die Babys. Die Nymphen sind etwa zweieinhalb Zentimeter groß. Im ersten Lebensjahr häuten die Jungs sich viermal, die Mädchen brauchen zwei weitere Wachstumsschritte, bis sie ihre volle Größe erreicht haben. Ausgewachsen leben die Insekten noch etwa ein Jahr.

Nur das Weibchen der Dorngespenstschrecke hat am Hinterteil einen Stachel. Aber keine Bange: Damit sticht es nicht, sondern legt seine Eier in feuchte Böden. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Hinter der Scheibe ist das Paaren, Eierlegen, Schlüpfen, Wachsen und Sterben also Alltag. Untereinander werden die Tiere sich nicht gefährlich. Die Männchen stellen sich allerdings auf die stacheligen Hinterbeine und wehren sich damit, wenn sie sich von Angreifern bedroht fühlen.

Ob „Lady“ oder „Gentleman“ – beide haben Grünzeug zum Fressen gern. „Am liebsten Brombeerblätter“, berichtet die Tierpflegerin. Da die direkt vor der Haustür wuchern, kostet die Nahrung keinen Cent.

Ihre Anspruchslosigkeit ist wohl auch ein Grund, dass die „Geister“ in freier Wildbahn bislang weit verbreitet sind. „Aber der Klimawandel macht allen Insekten zu schaffen“, betont Elisabeth Schüller. Und auch der Regenwald in Papua-Neuguinea schrumpft.

Gründe, die exotischen Insekten in Recklinghausen zu zeigen und für Klimaschutz zu werben. Vor allem bei Kindergeburtstagen sind die Dorngespenstschrecken echte Stars. Unter Aufsicht haben sie auch mal Auslauf auf den kleinen Händen. „Das ist die beste Methode, um Kindern zu zeigen, dass Insekten nicht eklig sind“, sagt Elisabeth Schüller, „sondern richtig toll.“

Info: Der Eintritt in den Tierpark im Stadtgarten ist frei. Der Förderverein leistet einen großen Anteil, damit die Anlage fortlaufend für die Tiere und Besucher modernisiert wird. Tierpatenschaften und/oder Spenden helfen dabei.

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