Gedenktag für Drogentote (mit Video)

Tränen im Himmel, Teelichte auf der Erde

1581 Drogentote gab es 2020 in Deutschland. Am Internationalen Gedenktag gedachte die Szene auf der „Platte“ neben dem Recklinghäuser Hauptbahnhof der Opfer.
Beim Gedenkgottesdienst stellen Teilnehmer brennende Teelichte für die Verstorbenen auf die Erde vor das Kreuz. © Oliver Kleine

Ein solcher Gottesdienst wie am Mittwoch (21. Juli) findet nicht oft in Recklinghausen statt. Anlässlich des „Internationalen Gedenktages für verstorbene Drogengebraucher“ haben Gasthaus und Drogenberatung (DROB) eine Trauerfeier direkt auf der „Platte“ am Hauptbahnhof organisiert. Flankiert von den Gleisen der Bahnstrecke Essen-Münster, dem Bahnhofsgebäude und dem Bus der Drogenberatung steht ein kleines Kreuz auf dem Pflaster. Daneben eine Kerze, eine Vase mit weißen Rosen und Schwester Judith von der Gastkirche in geistlichem Ornat.

Ein Tag der Trauer und ein Auftrag

„Warum müssen so viele von uns so früh gehen?“, fragt sie. Sie zitiert die Bibel zum Thema Aussätzige und spricht von der Trennung zwischen denen, die aussetzen und denen, die ausgesetzt werden. „Mit den Drogen kann man leben, mit dem Ausgesetztsein auf Dauer nicht.“ Einige Zuhörer nicken. „Dies ist ein Tag der Trauer. Aber es ist auch ein Auftrag für uns, uns dafür einzusetzen, dass diese Mauern in den Köpfen verschwinden.“ Es könne heilsam sein, wenn die Gesellschaft solche Menschen wieder aufnehme.

Momente des Innehaltens: Bewegt lauschten die Teilnehmer den Worten von Schwester Judith von der Gastkirche und den Klängen der Violine von Rachel Isserlis. © Oliver Kleine © Oliver Kleine

Als Rachel Isserlis auf ihrer Violine zu spielen beginnt und die traurige Melodie von Eric Claptons „Tears in Heaven“ (Tränen im Himmel) erklingt, kämpfen einige Teilnehmer mit den Tränen. Ein Paar hat sich fest umarmt. Anschließend beginnen die Menschen, Teelichte für die Verstorbenen anzuzünden.

Erst vor zehn Tagen starb jemand aus der Szene am Bahnhof

Erst zehn Tage sei es her, dass eine Frau aus ihrem Kreis gestorben sei, sagt eine Teilnehmerin mit bewegter Stimme, als sie ihr brennendes Teelicht zu den anderen vor dem Kreuz auf den Boden stellt. „Sie war gerade aus dem Knast raus, wieder in Freiheit. Ich weiß nicht…“ Sie bricht den Satz ab und wendet sich ab. Es werden mehr und mehr Teelichte, die auf der Erde flackern. „Ihr werdet uns fehlen“, sagt jemand.

Auf ein großes Tuch haben Leute aus der Drogenszene die Namen von Verstorbenen der vergangenen Jahre geschrieben. © Oliver Kleine © Oliver Kleine

Die Zahl der Recklinghäuser Drogentoten aus dem vergangenen Jahr wurde von der Polizei bisher nicht veröffentlicht. Im Jahr 2019 seien es nach offiziellen Angaben vier Tote gewesen, sagt Peter Appelhoff, der Leiter der Drogenberatung. Man könne sich nur an den Zahlen der Landeskriminalämter orientieren. Auch die Streetworker der DROB, die die Szene betreuen und an drei Tagen in der Woche mit ihrem Bus vor Ort sind, wüssten nicht immer, aus welchem Grund jemand nicht mehr komme.

Klar ist, dass die Zahl der Drogentoten seit einigen Jahren wieder stark steigt. 2018 wurden bundesweit 1276, 2019 schon 1398 und im letzten Jahr 1581 Tote gezählt. Davor, so Appelhoff, sei die Zahl der Toten eine ganze Zeit stetig gesunken und dann auf einem niedrigeren Niveau stagniert. Doch die Drogen und damit auch die Szene, so Appelhoff, habe sich in den letzten Jahren verändert.

Es werde weniger Heroin konsumiert und stattdessen mehr Crack, bestätigt Alfons Czech. Der Streetworker der DROB betreut die Szene am Bahnhof bereits seit 18 Jahren. „Die Zeiten haben sich geändert, die Szene hat sich verändert“, sagt er. Heute werde deutlich mehr geraucht als früher. Nicht nur Crack, auch Heroin. Durch den veränderten Konsum habe sich auch das Verhalten verändert. Crack mache Konsumenten unruhig, manche aggressiv.

Auf der „Platte“ neben dem Hauptbahnhof gedachten etliche Menschen aus der Szene mit Mitarbeitern des Gasthauses und der Drogenberatung der Toten. © Oliver Kleine © Oliver Kleine

„Heroin chillt eher, Crack pusht auf. Die Droge wirkt stark enthemmend. Die Leute auf Crack gehen extreme Risiken ein.“ Zum Beispiel, wenn sie Geld für neue Drogen beschaffen müssten. Und das sei häufig der Fall. Denn die Wirkung von Crack setze sehr schnell ein, währe aber nur kurz. Und sobald der Rausch nachlasse, steige der Wunsch nach erneutem Konsum. „Es erzeugt eine starke psychische Abhängigkeit.“

Die Drogenszene am Bahnhof ist groß

Die Szene am Recklinghäuser Bahnhof sei sehr groß, erklärt Czech. Meist seien 60 bis 80 Leute da an den Tagen, an denen er mit dem DROB-Bus vor Ort ist. „Wenn man sich hier umsieht, dann merkt man, dass Recklinghausen eine Großstadt ist“, ergänzt Peter Appelhoff. „Mit den typischen Problemen einer Großstadt wie einer offenen Drogenszene.“

Es fehlen Einrichtungen, die andere Großstädte haben

Im Unterschied zu Städten wie Gelsenkirchen, Bochum, Essen oder Dortmund fehle es in Recklinghausen allerdings an wichtigen Einrichtungen. „Was wir dringend brauchen, sind ein Drogenkonsumraum und ein angeschlossenes Kontaktcafé“, sagt Peter Appelhoff. Für die Konsumenten werde die Situation durch den Raum weniger stressig, sie seien erreichbarer für die Beratungs- und Hilfeangebote. Appelhoff: „Und wenn sich jemand irgendwo versteckt eine Überdosis setzt, ist keine Hilfe da. Passiert das im Drogenkonsumraum, ist sofort Hilfe da. Nur wer überlebt, kann erfolgreich den Ausstieg schaffen“

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