95. Geburtstag

Vom Balzen und Baden: Die Mollbeck erzählt viele Geschichten

Am 29. Juni 1926 wurde die Mollbeck als Strandbad eröffnet. Mit ihren 95 Jahren ist die in den 70ern modernisierte Sportanlage eine „alte Dame“, die aber immer noch viele Fans hat.
Ab in die Fluten: Auch in den 1960er-Jahren war das in die Jahre gekommene Strandbad Mollbeck beliebt. An einem heißen Fronleichnamstag 1966 strömten 13.000 Menschen nach Speckhorn und sorgten für einen "Sturm im Wasser". © Archiv

Die Zeiten ändern sich. Wer ein Beispiel für diesen Spruch sucht, muss nur nach Speckhorn blicken: Vor 95 Jahren, und zwar am 29. Juni 1926, wurde in der Mollbeck das Freibad eröffnet. Damals sonnten die Gäste sich an einem Strand, Wasserscheue konnten vom Ruderboot aus eine kühle Brise genießen und das Flair war elegant.

Freibadleiter Klaus Cordes hingegen hat wilde Zeiten erlebt. Als die Mollbeck 1974 nach millionenschwerem Umbau als moderne Freizeit- und Sportanlage wieder eröffnete, strahlte sie nicht nur den Betoncharme dieser Ära aus, sondern war auch ein Magnet. 16.000 Badegäste an einem Tag brachten den erst 14-jährigen Lehrling ins Schwitzen, vor allem, wenn er an der Garderobe aushelfen musste. „Oft hatten die Leute ihre Nummern vergessen und meinten, dass ich nach ihren blauen Latschen gucken sollte. Aber alle Leute trugen solche Schlappen“, erinnert er sich. Der Sandstrand ist ebenso wie die Garderobe passé. Blicken wir zurück.

Gondelteich mit Sandstrand

1928 veröffentlichte der Dari-Verlag in seiner Reihe „Deutscher Städtebau“ ein Buch über Recklinghausen. Natürlich gibt es darin auch ein Kapitel über die Badeanstalten. 1920 war ein Freibad im städtischen Hafen eröffnet worden, 1926 folgte die Mollbeck. Nach dem Süder Vorbild wurde es als „Licht-, Luft und Sonnenbad“ angelegt. 1928 folgte „die Anlage eines Gondelteiches und die Errichtung eines Restaurationsgebäudes“.

Der Gondelteich gehörte zur Attraktion des 1926 eröffneten Strandbades Mollbeck. © Stadtarchiv Recklinghausen © Stadtarchiv Recklinghausen

Damals dienten die Freibäder nicht nur der „körperlichen Ertüchtigung“ und als Ausflugsziel. In Zeiten von Plumpsklo und Zinkwanne boten sie geradezu luxuriöse Möglichkeiten zur Körperpflege. So wird in dem alten Buch bedauernd festgestellt, dass die Anstalten „nur in der sehr kurzen, günstigen Zeit benutzt werden können“. Damit die Recklinghäuser sauber blieben, öffnete die Stadt die Brausebäder in Schulen für die Bürger.

Zurück zum Vergnügen: Alte Fotos dokumentieren, wie beliebt die „Molle“ in den folgenden Jahrzehnten war. Kinder – die Mädchen oft mit Badekappe – spielen im Sand und planschen, ein Bademeister mit weißer Schwimmhose und Tarzan-Figur pfeift Besucher zurück, Cafébesucher im Sonntagsstaat beobachten das muntere Treiben von der Terrasse aus…

„Eltern setzen Kinder in Freibad aus“

Am 11. Juli 1966 traf der damalige Mollbeck-Chef Erwin Schippel eine weitreichende Entscheidung: Er schnitt nach einem heißen Fronleichnamswochenende einen Zeitungsartikel aus und klebte ihn auf: „Eltern setzen Kinder in Freibad aus“ lautete die Schlagzeile. 13.000 Besucher – die meisten davon unbeaufsichtigte Minderjährige – ließen einen Riesenberg an Müll zurück. „Es sah aus wie nach einer verlorenen Schlacht“, wurde der entnervte Badleiter zitiert. Der Artikel markiert den Anfang eines umfangreichen Pressespiegels.

Am 18. Dezember 1969 verkündete die Recklinghäuser Zeitung: „Mollbeck wird größer: Drei beheizte Becken und eine Wärmehalle“. Die alten Betonwände waren porös geworden. Das sorgte immer wieder für starken Algenbefall, in der Hochsaison musste das Wasser abgelassen und ein Zwischenputz eingelegt werden. Ein Foto zeigt zwölf erschöpfte Männer in Badehose und Gummistiefeln, die sich im Schatten von ihrem glitschigen Einsatz erholen. Cordes tippt auf den sechsten Herrn von links. „Das ist mein Vater“, verrät er.

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95 Jahre Mollbeck

Der Zehn-Meter-Turm ist der Hit

Kein Wunder also, dass der junge Klaus 1974 eine Lehre als Schwimmmeistergehilfe antrat. Als nach vier Jahren Umbauzeit bei eingeschränktem Freibadbetrieb die Mollbeck wiedereröffnet wurde, war Klaus Cordes dabei. „Das war ein Menschenauflauf“, erinnert er sich. Vor allem der neue Zehn-Meter-Turm lockte die junge Generation in Scharen an. Und das Freibad hatte einen eigenen Star: Dieter Plewka, ebenfalls Schwimmeistergehilfe und international erfolgreicher Kunstspringer. Die Tribünenplätze rund ums Sprungbecken waren nicht nur bei den dort ausgetragen Deutschen Meisterschaften im Kunst- und Turmspringen voll belegt. „Die Jungs haben sich vor den Mädchen profiliert“, erinnert sich Cordes an das große Balzen und Schlangestehen vor dem Sprungturm. Der wurde übrigens später feierlich auf den Namen „Molli“ getauft.

Ein Archivbild vom 5. Juni 1979: Die Liegewiesen war damals voller Menschen. © Hermann Pölking (Archiv) © Hermann Pölking (Archiv)

Nach Schulschluss am Mittag und an den Wochenenden wurde es im ganzen Bad voller und voller. Vor dem Eingang reichte die Warteschlange teils Hunderte Meter. „Auf den Liegewiesen war kein Fleckchen mehr frei“, berichtet der Badleiter, „wir standen zu viert auf dem Aussichtsturm, um alles im Blick zu haben.“ In den Ferien kamen täglich 1400 Kinder der AWO-Stadtranderholung hinzu.

Betriebsleiter Klaus Cordes auf dem Aufsichtsturm: In den 1970er-Jahren standen dort vier Leute, die die überfüllten Becken im Blick hatten. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Diese Glanzzeiten hielten nicht ewig. „Selbst an hochsommerlichen Tagen mit bis zu 7000 Besuchern ist es im Vergleich zu damals deutlich entspannter“, sagt Klaus Cordes: „Unser größter Gegner ist die Wetter-App.“ Sage die nur einen Schauer an, blieben die Leute gleich daheim: „Früher sind sie gegangen oder haben sich unters Vordach gesetzt.“ Damals waren 1000 Fahrradstellplätze knapp bemessen, heute sei in den Stellbügeln immer etwas frei. Nur die Parkplätze reichen an Hundstagen damals wie heute nicht.

Die Umkleiden und Garderoben im eigenen Gebäudekomplex sind längst demontiert, heute parken dort Gerätschaften. Statt 602 Spinden reichen jetzt weniger als 100. Aber etwas hat sich nicht geändert: die Liebe der treuen Dauerschwimmer zu ihrer „Molle“. „Davon gibt es heute sogar mehr“, freut sich der Betriebsleiter. Ob Früh- oder Abendschwimmer, Aquajogger oder Triathlet, Plauderplanscher oder Bahnenreißer – die meisten verpassen nicht einen Tag der für sie viel zu kurzen Freibadsaison. Und sie träumen von der Zeit, als die frisch renovierte Mollbeck von „O bis O“ geöffnet hatte: von Ostern bis Oktober.

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