Bundestagswahl

Ob SPD, Union, Grüne, FDP oder Linke – wer könnte eigentlich (wieder) Minister werden?

Wer nach dem 26. September in Deutsch­land die Macht übernimmt, ist ungewiss. Viele Koalitionen sind möglich. Und in allen Parteien gibt es zahlreiche Anwärter für ein Minister­amt. Die Übersicht.
In allen Parteien gibt es zahlreiche Anwärter für ein Minister­amt. © picture alliance/dpa

Die am häufigsten ausgesprochene Beteuerung im Wahl­kampf geht so: Man wolle das Fell des Bären nicht verteilen, bevor dieser erlegt sei. In diesem Fall ist der Souverän, also das Wahl­volk, der Bär, der die Macht zu verteilen hat.

Und erst wenn man die Macht in Händen hält, will man sie verteilen. So weit die Theorie. In Wahr­heit machen sich alle früh­zeitig Gedanken, wer was in einer nächsten Regierung werden kann. Ein Überblick.

SPD

Hubertus Heil (48), geboren in Hildesheim, Nieder­sachsen: Als Arbeits­minister gilt Hubertus Heil als eines der erfolg­reichsten Mitglieder der bisherigen Bundes­regierung. Mit der Kurz­arbeit hat sein Ministerium den Arbeitsmarkt in der Corona-Krise stabilisiert.

Bei der Grund­rente setzte er für die SPD ein Gesetz durch, das über den Koalitions­vertrag hinaus­geht. Das Bundes­arbeits­ministerium dürfte das Ressort sein, auf das die SPD auf keinen Fall verzichten würde. Gute Chancen für Heil also.

Lars Kling­beil (43), geboren in Soltau, Nieder­sachsen: Momentan sieht alles danach aus, als habe der SPD-General­sekretär einen weit erfolg­­reicheren Wahl­kampf organisiert, als irgendwer vorher gedacht hätte. Er ist also in der Position, etwas zu fordern. Kling­beil gilt als Experte für die Themen Verteidigung und Digitalisierung. Womöglich wäre für ihn der Fraktions­vorsitz aber am attraktivsten.

Saskia Esken (60), geboren in Stuttgart, Baden-Würt­temberg: SPD-Kanzler­kandidat Olaf Scholz hat bereits gesagt, dass er seine Partei­chefin für ministrabel hält. Zudem wäre es strategisch klug von Scholz, Esken auf diese Weise in die Kabinetts­disziplin einzubinden.

Esken kennt sich gut aus mit den Themen Digitalisierung und Bildung. Gemeinsam mit Kanzlerin Angela Merkel hat sie in der Corona-Krise Bildungs­gipfel mit Länder­chefs veranstaltet und dabei in Sachen Sofort­hilfe bei der digitalen Ausstattung einiges mitangeschoben. Sie fände den Job als Bildungs­ministerin sicher attraktiv.

SPD-Kanzler­kandidat Olaf Scholz hat bereits gesagt, dass er seine Partei­chefin Saskia Esken für ministrabel hält. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Svenja Schulze (52), geboren in Düssel­dorf, Nord­rhein-West­falen: Umwelt­ministerin Svenja Schulze ist bestens vernetzt im Landes­verband Nord­rhein-West­falen. Olaf Scholz hat versprochen, das Bundes­kabinett werde paritätisch mit Frauen und Männern besetzt, wenn er Kanzler werden sollte. Das Umwelt­ministerium dürfte an die Grünen gehen. Aber Schulze könnte ein anderes Ressort bekommen.

Stefanie Hubig (52), geboren in Frankfurt am Main, Hessen: Die rhein­land-pfälzische Bildungs­ministerin ist als Vorsitzende der Kultus­minister­konferenz im Jahr 2020, also mitten in der Corona-Krise, bundes­weit bekannt geworden. In der Vergangen­­heit war sie bereits Staats­sekretärin im Bundes­justiz­ministerium und wäre für das Amt der Ministerin dort qualifiziert.

Rolf Mützenich (62), geboren in Köln, Nord­rhein-West­falen: Rolf Mützenich ist in schwieriger Zeit SPD-Fraktions­chef geworden und hat den Job nach Meinung der meisten in der SPD sehr gut gemacht. Falls er an der Fraktions­spitze nicht weiter­machen will, käme er für ein Minister­amt infrage. Der lang­jährige Außen­politiker könnte etwa das Entwicklungs­hilfe­ministerium übernehmen.

Karl Lauterbach (58), geboren in Düren, Nord­rhein-West­falen: Karl Lauter­bach ist als Gesund­heits­politiker mindestens so bekannt wie Gesund­heits­minister Jens Spahn. Als Erklärer der Corona-Politik und Mahner für einen vorsichtigen Kurs ist er eines der präsentesten Gesichter in der Pandemie. Sollte die SPD das Gesund­heits­ministerium übernehmen, wäre es schwer zu erklären, warum jemand anders als Lauter­bach Minister werden sollte.

Matthias Miersch (52), geboren in Hannover, Nieder­sachsen: Matthias Miersch wäre schon beim letzten Mal beinahe Minister geworden. Er hätte damals gern das Umwelt­ministerium bekommen. Das dürfte auch diesmal schwierig werden, da dieses Ressort an die Grünen gehen dürfte, falls sie in der Regierung sein sollten.

Als starker Mann der Parlamentarischen Linken in der SPD gilt Miersch auch als Anwärter für den Fraktions­vorsitz. Sein Problem: Mit Hubertus Heil und Lars Kling­beil gibt es bereits mehrere Männer aus der nieder­sächsischen SPD, die in der ersten Reihe stehen.

CDU

Annegret Kramp-Karrenbauer (59), geboren in Völk­lingen, Saar­land: Die Verteidigungs­ministerin steht wegen des Afghanistan-Einsatzes unter Druck, könnte von Laschet im Falle eines Wahl­siegs aber nur schwer aus dem Kabinett heraus­befördert werden, weil sie als saar­ländische Minister­präsidentin, General­sekretärin und Partei­vorsitzende der CDU viele Dienste geleistet hat. Administration ist ihr außerdem vertraut wie wenig anderen.

Julia Klöckner (48), geboren in Bad Kreuz­nach, Rhein­land-Pfalz: CDU-Vize­chefin mit Konflikt­potenzial als Land­­wirtschafts­ministerin. Bauern­lobby und Klöckner haben es sich schwer gemacht, die Ministerin wurde einer­seits ausgebremst und bezog anderer­seits für Erfolge wie das Ende des Küken­schredderns und der betäubungs­losen Ferkel­kastration viel Prügel. Sie könnte im Kabinett bleiben, aber an anderer Stelle.

Karin Prien (56), geboren in Amsterdam, Nieder­lande: streitbare Bildungs­ministerin in Schleswig-Holstein, die rechten Tendenzen in der Partei die Stirn bietet und sich dafür auch unerschrocken mit dem Rechts­außen Hans-Georg Maaßen anlegt. Fährt aber eine konservative Linie etwa bei der Gender­sprache und verbietet das Stern­chen an Schulen in ihrem Bundes­land. Gute Mischung für Laschets Politik.

Friedrich Merz (65), geboren in Brilon, Nord­rhein-West­falen: So oft wie Armin Laschet seinen unter­legenen Konkurrenten um den CDU-Vorsitz gelobt und seine Nähe gesucht hat, könnte er Merz kaum einen Minister­posten verwehren. Außerdem gehörte der im Wahl­kampf zu den loyalsten Unter­stützern. Das Nahe­liegendste wäre das Wirt­schafts­ressort für Merz. Das hatte er – recht ungeschickt – bereits im Januar für sich im Kabinett Merkel eingefordert, die ihn abtropfen ließ.

Das Nahe­liegendste für CDU-Mann Friedrich Merz wäre das Wirt­schafts­ressort. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Jens Spahn (41), geboren in Ahaus, Nord­rhein-West­falen: Der Gesund­heits­minister gilt als gesetzt. Spahn, der gern selbst Partei­chef geworden wäre, hatte im Frühjahr 2020 Laschet den Vortritt bei der Kandidatur gelassen und sich als Nummer zwei in das Tandem mit ihm begeben. Allerdings würde er gern das Gesund­heits­ministerium gegen ein anderes Ressort eintauschen. Er ist ein Mann, dem langweilig wird, wenn sich alles wiederholt.

CSU

Dorothee Bär (43), geboren in Bamberg, Bayern: An der Staats­ministerin für Digitalisierung im Kanzler­amt käme die CSU nicht vorbei. In der zu Ende gehenden Legislatur­periode hat die Partei allen Ernstes nur Männer zu Ministern gemacht, obwohl Bärs Qualifikation nicht schlechter war.

Da die Union auch ein Digitalisierungs­ministerium schaffen will, wäre sie eine Anwärterin dafür. Die CSU will aber unbedingt das Land­wirt­schafts­ministerium haben. Das könnte im Fall der Fälle auch an sie gehen.

Ilse Aigner (56), geboren in Feldkirchen, Bayern: Die frühere Bundes­land­wirtschafts­ministerin und jetzige bayerische Landtags­präsidentin wurde während des Wahl­kampfs immer wieder für Höheres gehandelt – in der Union wurde sie als mögliche Bundes­präsidentin genannt. Eine Rück­kehr ins Kabinett gilt auch nicht als ausgeschlossen.

Stephan Mayer (47), geboren in Burg­hausen, Bayern: Der Staats­sekretär im Bundes­innen­ministerium galt schon in dieser Wahl­periode als potenzieller Nach­folger von Horst Seehofer, falls dieser zurück­getreten wäre. In der Flüchtlings­politik stand er an der Seite der Hardliner der CSU. Im Gespräch für das Bundes­innen­ministerium war schon früh auch der bayerische Innen­minister Joachim Herrmann (64, geboren in München).

Stefan Müller (46), geboren in Neustadt an der Aisch, Bayern: lang­jähriger Parlamen­tarischer Geschäfts­führer der CSU-Landes­gruppe im Bundes­tag und von 2013 bis 2017 Parlamen­tarischer Staats­sekretär im Bundes­bildungs­ministerium. Dies könnte für ihn auch als Minister in Frage kommen.

Grüne

Annalena Baerbock (40), geboren in Hannover, Nieder­sachsen: Wenn die Grünen in die Regierung kommen, aber sie nicht anführen, ist Baerbock als Ministerin gesetzt. Sie wird für das Außen­amt gehandelt. Auch andere Ressorts wären denkbar, zum Beispiel das Klima­ministerium. Auch wenn das Wahl­ergebnis für die Grünen – gemessen an den ursprünglichen Erwartungen – eher enttäuschend ausfallen sollte, dürfte die Partei­chefin Ministerin werden.

Robert Habeck (52), geboren in Lübeck, Schleswig-Holstein: Bekannt ist, dass Robert Habeck gern Finanz­minister werden möchte. Sollte es zu einer Regierungs­konstellation kommen, in der auch die Liberalen mit im Bunde sind, hätte Habeck mit FDP-Chef Lindner einen harten Konkurrenten.

Der Grünen-Chef könnte auch Chef eines Klima­ministeriums werden. Offen ist, ob er bei den Grünen als Erstes und damit auf das prestige­trächtigste Ministerium zugreifen könnte, nachdem er Baer­bock den Vortritt bei der Kanzler­kandidatur gelassen hat.

Grünen-Politiker Robert Habeck wäre gern Finanzminister. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Katrin Göring-Eckardt (55), geboren in Friedrichs­roda, Thüringen: Schon bei den Jamaika-Sondierungen 2017 gehörte die Fraktions­chefin der Grünen zu den heißen Anwärterinnen auf ein Minister­amt. Sie käme für Arbeit und Soziales, Familie oder Bildung in Frage. Es wird auch immer mal wieder spekuliert, dass KGE, wie sie bei den Grünen genannt wird, Teil eines Koalitions­deals werden könnte, nach dem die Grünen mit ihr die erste Bundes­präsidentin stellen könnten.

Irene Mihalic (44), geboren in Wald­bröl, Nord­rhein-West­falen: Die Polizei­beamtin, promovierte Kriminologin und innen­politische Sprecherin der Fraktion wäre für das Innen­ministerium eine interessante Besetzung. Bislang haben die Grünen dieses Ressort gern ihren jeweiligen Koalitions­partnern überlassen. Mihalic ist in Sachen Innen­politik eindeutig eine Real­politikerin, die klar und volksnah Position beziehen kann.

Anton Hofreiter (51), geboren in München, Bayern: Für ihre Kabinetts­aufstellung werden die Grünen auch ihren linken Flügel bedienen müssen, zu dem der Fraktions­chef zählt. Bevor er mit Göring-Eckardt die Fraktion anführte, war er als Fach­politiker profilierter Verkehrs­experte. Er könnte also das Verkehrs­ministerium übernehmen. Denkbar wäre für den promo­vierten Biologen auch das Umwelt- oder das Agrar­ressort.

FDP

Christian Lindner (42), geboren in Wupper­tal, Nord­rhein-West­falen: Selten hat jemand vorab so deutlich gemacht, welchen Posten er in einer Regierung haben möchte. Lindner strebt das Finanz­ministerium an – und dürfte es auch bekommen, wenn in einer Jamaika-Koalition oder einem Ampel­bündnis regiert wird. Voraus­sichtlich werden Union und SPD um die FDP werben. Es wird zugleich schwierig für Lindner, sich diesmal wieder komplett einer Regierungs­beteiligung zu verweigern.

Volker Wissing (51), geboren in Landau in der Pfalz, Rhein­land-Pfalz: FDP-General­sekretär Volker Wissing gilt als einer derjenigen, die in der Pandemie die FDP wieder in die Erfolgs­spur gebracht haben. Er war Wirtschafts­minister in Rhein­land-Pfalz und könnte das Amt auch auf Bundes­ebene ausüben. Aus Rhein­land-Pfalz bringt er Erfahrung in der Zusammen­arbeit in einer Ampel­koalition mit.

Marie-Agnes Strack-Zimmermann (63), geboren in Düssel­dorf, Nord­rhein-West­falen: Ober­bürger­meisterin von Düssel­dorf ist Marie-Agnes Strack-Zimmer­mann, trotz einer mit Verve betriebenen Kandidatur, nicht geworden.

Aber als Verteidigungs­politikerin hat sie sich im Bundes­tag in den vergangenen vier Jahren stark profiliert. Mit ihrer gelegentlich ruppigen Art käme sie als Verteidigungs­ministerin bei der Truppe vermutlich gut an. Und: Auch die FDP wird darauf achten müssen, nicht nur Männer ins Kabinett zu schicken.

Als Verteidigungs­politikerin hat sich Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) im Bundes­tag in den vergangenen vier Jahren stark profiliert. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Bettina Stark-Watzinger (53), geboren in Frankfurt am Main, Hessen: Bettina Stark-Watzinger ist FDP-Vorsitzende in Hessen. Sie war zeit­weise Vorsitzende des Finanz­ausschusses im Bundes­tag, bis sie in ihrer Fraktion neue Verantwortung als Parlamentarische Geschäfts­führerin übernahm. Als ministrabel gilt sie auf jeden Fall – ihr Spezial­gebiet, die Finanzen, will aber Christian Lindner übernehmen.

Linke

Katja Kipping (43), geboren in Dresden, Sachsen: langjährige Partei­chefin der Linken (2012 bis 2021), Bundes­tags­abgeordnete mit sozial­politischem Profil, harte Verteilungs­kämpfe aus der eigenen Partei gewohnt, ihre schärfste Kritikerin war Linken-Front­frau Sahra Wagen­knecht. Großes Ziel: bedingungs­loses Grund­einkommen für alle, die das wollen. Traum: Sozial­ministerin.

Susanne Hennig-Wellsow (43), geboren in Demmin, Mecklen­burg-Vorpommern: früher Eis­schnell­läuferin, seit Februar Partei­vorsitzende der Linken, langjährige Partei- und Fraktions­chefin in Thüringen, wo sie die bundesweit einzige Regierungs­führung der Linken von Minister­präsident Bodo Ramelow durch recht resolute Führung stabilisierte. Zählt zum pragmatischen, nach Regierungs­verantwortung strebenden Flügel.

Susanne Hennig-Wellsow zählt zum pragmatischen, nach Regierungs­verantwortung strebenden Flügel der Linken. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Allerdings ist sie bisher nicht durch eigene Ambitionen aufgefallen, im Fall der Fälle ein Regierungs­amt übernehmen zu wollen – ebenso wenig wie ihre Co-Partei­chefin und Spitzen­kandidatin Janine Wissler.

Die Partei würde sich voraus­sichtlich nach Linken-Ministerinnen in den Ländern umschauen – etwa in Bremen –, um auch ein West­gewicht einzubringen. Dort ist Kristina Vogt (56, geboren in Münster, Nord­rhein-West­falen) Wirt­schafts- und Arbeits­ministerin.

Dietmar Bartsch (63), geboren in Stralsund, Mecklen­burg-Vorpommern: Seit ewigen Zeiten in der Linken, früher SED-Mitglied, alle Kämpfe in der gut 30-jährigen Geschichte der Nachfolge­parteien mitausgefochten, gilt als Reformer – so sehr, dass er auch als SPD-Mitglied durchgehen könnte. Seit 2015 Co-Fraktions­chef und Spitzen­kandidat. Ziel: Regierungs­beteiligung der Linken, bevor er in Rente geht.

Matthias Höhn (46), geboren in Stolberg im Harz, Sachsen-Anhalt: Verstand sich als Bundes­geschäfts­führer zum Schluss nicht mehr mit Kipping und trat zurück, verfolgt aber im Bundes­tag selbst­bewusst seinen Reform­kurs für die Linke. Er stimmte im August als Einziger seiner Fraktion für das Evakuierungs­mandat der Bundes­wehr in Afghanistan.

Der Artikel "Ob SPD, Union, Grüne, FDP oder Linke – wer könnte eigentlich (wieder) Minister werden?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland