Prozess

Wehrlose Wohnheim-Bewohner erstochen: Zweifel an Schuldfähigkeit der Pflegerin

Vor einem halben Jahr schockierte der gewaltsame Tod von vier schutzlosen Bewohnern eines Behinderten-Wohnheims ganz Deutschland. Nun muss sich eine Pflegerin wegen Mordes vor Gericht verantworten.
Die Angeklagte im Gerichtssaal im Landgericht Potsdam.
Die Angeklagte im Gerichtssaal im Landgericht Potsdam. © Carsten Koall/dpa-Pool/dpa

Im Prozess um die Tötung von vier Bewohnern eines Potsdamer Heims für Menschen mit Behinderung hat die Angeklagte eine freudlose Kindheit und Jugend geschildert.

Sie habe von früher Kindheit an unter Krankheiten und schweren Ängsten gelitten, berichtete die 52-Jährige am Dienstag zum Prozessauftakt vor dem Potsdamer Landgericht. „Im Kindergarten hatte ich keine Freunde – weil ich mich anders fühlte“, sagte sie. Auch von ihrer Mutter habe sie sich nicht geliebt gefühlt.

Nachdem sie mit 14 Jahren einen Suizidversuch unternommen habe, sei sie für acht Monate in die Charité gekommen und dort in einem Modellversuch mit Medikamenten aus der Schweiz behandelt worden. „Das war mein Trauma“, sagte sie. 1990 habe sie nach einer abgebrochenen Ausbildung zur Pflegerin in einer Potsdamer Einrichtung für schwerbehinderte Kinder und Jugendliche als Pflegekraft begonnen.

„Ich habe mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen gearbeitet – aber mir selbst konnte ich nicht helfen“, schilderte die 52-Jährige ihre damaligen Empfindungen. 1993 wurde das Haus von der diakonischen Einrichtung Oberlinhaus übernommen, bei der sie bis zu der Tat angestellt war.

Nur eine Bewohnerin überlebte schwer verletzt

Von ihrem 20. bis zum 38. Lebensjahr habe sie keine Medikamente genommen, sondern zur Dämpfung ihrer psychischen Probleme Alkohol getrunken. Nach einem Zusammenbruch mit 38 Jahren sei sie erneut therapeutisch und medikamentös behandelt worden.

Die 52-Jährige muss sich vor der 1. Strafkammer des Potsdamer Landgerichts wegen Mordes und Mordversuchs verantworten. Laut Anklage soll sie am Abend des 28. April in dem Wohnheim vier wehrlose Bewohner im Alter zwischen 31 und 56 Jahren mit einem Messer in ihren Zimmern angegriffen und tödlich verletzt haben. Eine 43-jährige Bewohnerin überlebte schwer verletzt nach einer Notoperation.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Pflegekraft die Taten im Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit begangen hat. Für den Prozess sind zehn Verhandlungstage bis zum 9. Dezember angesetzt. Insgesamt sollen mehr als 40 Zeugen gehört werden.

dpa

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