Coronavirus

Wie Impfgegner mit Zahlen zu Nebenwirkungen Meinungen manipulieren

Ein AFD-Abgeordneter sprach im Bundestag von Zehntausenden Fällen schwerer Impf-Nebenwirkungen, die es laut dem Paul-Ehrlich-Institut gegeben habe. Er verschwieg jedoch ein wichtiges Detail.
Corona-Demonstration. (Symbolbild)
Corona-Demonstration. (Symbolbild) © picture alliance/dpa

Immer und immer wieder versuchen Impfgegner, das Vertrauen in die Sicherheit der in Deutschland zugelassenen Corona-Impfstoffe zu untergraben. Auch Teile der AfD tun sich regelmäßig durch derlei Versuche hervor. So auch am Dienstag, als Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) den Abgeordneten des Deutschen Bundestags in einer Fragestunde gegenüberstand.

„Das Paul-Ehrlich-Institut berichtet regelmäßig über Fälle schwerer Nebenwirkungen und Todesfälle nach den Corona-Impfungen“, sagte der bayerische AfD-Mann Martin Sichert. Er stand dabei auf der Tribüne des Parlaments vor einem Mikrofon – in den Plenarsaal dürfen seit diesem Mittwoch nur noch geimpfte und genesene Abgeordnete mit einem zusätzlichen negativen Schnelltest.

Laut dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) habe es bis Ende November 26.196 Fälle schwerer Nebenwirkungen nach Corona-Impfungen gegeben, behauptete Sichert. Laut Angaben der Bundesregierung trete pro 5000 Impfungen eine schwere Nebenwirkung wie eine Herzmuskelentzündung auf.

Die Äußerungen des AfD-Abgeordneten zeigen exemplarisch, wie Impfgegner echte Zahlen aus dem Kontext reißen und für unwahre Aussagen ins Feld führen.

Paul-Ehrlich-Institut sammelt lediglich ungeprüfte Verdachtsfälle

Denn das Paul-Ehrlich-Institut, das deutsche Bundesinstitut, das die Impfstoffsicherheit überwacht, weist in seinem aktuellen Sicherheitsbericht über Nebenwirkungen und Komplikationen nach Corona-Impfungen tatsächlich die von Sichert genannten Zahlen aus.

Wichtig ist dabei jedoch: Bei den vom PEI zwischen dem Beginn der Impfkampagne am 27. Dezember 2020 und dem 30. November 2021 erhobenen Zahlen handelt es sich lediglich um nicht überprüfte Verdachtsfälle.

Bürgerinnen und Bürger, aber auch behandelnde Ärztinnen und Ärzte können dem Institut mögliche Nebenwirkungen melden. Als geimpfter Bürger ist es mit der „SaveVac“ -App des PEI sogar möglich, Impfreaktionen und mögliche Nebenwirkungen einfach per Smartphone zu melden. Auch auf der Seite nebenwirkungen.bund.de können Nebenwirkungen an das Institut gemeldet werden.

Diese Meldungen fließen schließlich nach Krankheitsbildern und Schwere sortiert in die Sicherheitsberichte des PEI ein. Insgesamt erreichten das Institut bis zum 30. November 2021 fast 200.000 Meldungen – darunter 26.196 Verdachtsfälle schwerwiegender Nebenwirkungen.

Der Sicherheitsbericht verzeichnet außerdem 1919 gemeldete Todesfälle. Wie viele dieser Verdachtsfälle tatsächlich in einem Zusammenhang mit Corona-Impfungen stehen, erfasst das PEI jedoch nicht.

Nur bei wenigen gemeldeten Todesfällen geht das PEI von Zusammenhang zu Impfung aus

Da Meldungen vollständig anonym erfolgen können, lässt sich das auch nachträglich nicht abschließend überprüfen. In seinem aktuellen Sicherheitsbericht schreibt das Institut explizit, es sei zu beachten, „dass unerwünschte Reaktionen oftmals im zeitlichen, nicht aber unbedingt im ursächlichen Zusammenhang mit einer Impfung gemeldet werden“.

Es sei ausdrücklich erwünscht, dass auch solche Reaktionen berichtet werden, deren Zusammenhang mit einer Impfung eher fraglich ist. So lassen sich Rückschlüsse auf tatsächlich gehäuft auftretende Nebenwirkungen schließen. „Das heißt aber auch, dass nicht jede gemeldete Reaktion tatsächlich eine Nebenwirkung darstellt“, schreibt das PEI weiter.

Lediglich bei 78 gemeldeten Todesfällen hält das Institut einen ursächlichen Zusammenhang mit einer Corona-Impfung für wahrscheinlich. Dem gegenüber stehen mehr als 59 Millionen Menschen, die in Deutschland bis zum 30. November 2021 mindestens einmal gegen das Coronavirus geimpft wurden.

Nach demselben Prinzip der Verdachtsfall-Meldungen funktionieren auch die Statistiken der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) und die VAERS-Datenbank der US-amerikanischen Behörde CDC. Trotzdem beziehen sich Impfgegner immer wieder auf die Zahlen dieser Datenbanken – häufig ohne zu erwähnen, dass es sich lediglich um ungeprüfte Verdachtsmeldungen handelt. In einigen Fällen scheint es sich dabei um Unwissenheit zu handeln – in anderen offenbar um gezielte Manipulation der öffentlichen Meinung.

Mehr Aufmerksamkeit für mögliche Nebenwirkungen

Verschiedene Formen seltener schwerer Nebenwirkungen der Corona-Impfstoffe wurden weltweit tatsächlich immer wieder nachgewiesen. In Deutschland reagierte die Ständige Impfkommission (Stiko) zuletzt auf einzelne Meldungen über einen möglichen Zusammenhang zwischen Moderna-Impfungen und Herzmuskelentzündungen bei Unter-30-Jährigen und empfahl, den Impfstoff nur noch bei Älteren einzusetzen.

Dass es zu möglichen Nebenwirkungen der Corona-Impfungen mehr Meldungen gibt, als zu anderen Impfstoffen in der Vergangenheit, dürfte außerdem auch an der erhöhten Aufmerksamkeit und Sensibilität liegen. Behörden und staatliche Institute rufen aktiver als zuvor zur Meldung von Verdachtsfällen auf, und durch die Berichterstattung über Nebenwirkungen neigen auch Bürgerinnen und Bürger verstärkt dazu, einen Zusammenhang zwischen körperlichen Beschwerden und einer vorangegangenen Impfung zu vermuten.

Was Impfgegner als Zeichen für die Unsicherheit der Impfung deuten, ist deshalb auch ein Anzeichen für die weltweit stattfindende engmaschige Überwachung der Corona-Impfkampagne.

Zudem kommen die Weltgesundheitsorganisation, die EMA, das PEI und andere Zulassungsbehörden weltweit einhellig zu dem Schluss, dass es sich bei den zugelassenen mRNA-Impfstoffen um sichere Impfstoffe handelt, bei denen Nebenwirkungen im großen Stil nicht zu befürchten sind.

Der Artikel "Wie Impfgegner mit Zahlen zu Nebenwirkungen Meinungen manipulieren" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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