Häuser-Serie

Der Bunker am Rathaus war den Nazi-Größen vorbehalten

Für Aufsehen sorgte vor einigen Jahren die Entdeckung eines unterirdischen Beton-Bunkers an der Ecke Hochstraße/Große-Geist-Straße. Später wurden dort heimlich Partys gefeiert.
Ein Foto aus den 1960er-Jahren zeigt die Stelle, unter der sich der Nazi-Bunker befand. Im Hintergrund sieht man das Rathaus. © Heimatverein

In den Kriegsjahren 1941 bis 43 habe man in Waltrop drei große Luftschutzbunker, bestehend aus Eisengeflecht und Beton, gebaut, berichtet Heimatvereins-Chef Norbert Frey. „Neben deutschen Bau-Handwerkern arbeiteten auch französische und (vermutlich) serbische Kriegsgefangene in ihren Uniformen am Bunkerbau mit. Ein Vorarbeiter aus Waltrop ‚leitete‘ die Bauarbeiten.“ Es habe sicherlich ein sehr rauer Ton geherrscht. Zusätzlich habe es zahlreiche Erdbunker gegeben, die vermutlich in Selbsthilfe gebaut wurden, und einige „überdachte“ Splitterschutzgräben.

Geheimer Betonbunker bei Bauarbeiten entdeckt

Neben all diesen bekannten Bunkern gab es einen, von dem nicht viele wussten: Der geheime Nazi-Bunker an der Große-Geist-Straße im Oberdorf:

Bei Erdarbeiten im Jahr 2015 war der unterirdische Bunker gefunden worden und stellte zunächst ein großes Rätsel dar. Lange war die Historie dieses Bunkers unbekannt, berichtet 2015 die WZ, bis sich ein Zeitzeuge meldet: Dieter Vogelgesang habe als junger Mann miterlebt, wie der Bunker gebaut wurde. Rein zufällig, denn eigentlich sei der Bau weithin verheimlicht worden. „Herr Vogelgesang war damals kaufmännischer Lehrling beim Gaswerk Waltrop. Er habe mehrfach Telefongespräche mitgehört, in denen auf NSDAP-Parteiebene über diesen Bunker gesprochen wurde“, berichtet Norbert Frey.

Bunker-Bau verheimlicht

Offiziell habe man verlauten lassen, dass an der Stelle eine „Luftschutz-Rettungsstelle“ errichtet werden solle. Das wären unterirdische Räume gewesen, in denen Sanitätsdienste für durch Bombenangriffe verletzte Waltroper geleistet werden sollen. Der Detonation einer Fliegerbombe hätte ein solcher leichter Sanitätsraum nicht standgehalten. Die Rettungsstelle sei jedoch nur eine Farce gewesen, um den Bau des Schutz-Bunkers zu verheimlichen, teilte Dieter Vogelgesang damals (2015) der Zeitung seine Vermutung mit.

Der Bunker an der Ecke Hochstraße/Große-Geist-Straße lag direkt neben dem Gebäude, in dem sich heute das Jugendcafé Yahoo befindet. Jenes Gebäude war damals die Parteizentrale der NSDAP, auch als „braunes Haus“ bezeichnet. Gegenüber von diesen beiden Gebäuden (wenn man den geheimen Bunker denn als ein solches bezeichnen kann) lag der Adolf-Hitler-Platz. So sei es also ein praktisch gewählter Ort gewesen, in dem sich die Nationalsozialisten in Sicherheit bringen konnten. „Die Brüder brauchten also nur um die Ecke, um sich in Sicherheit zu bringen“, schimpfte der Zeitzeuge. Nur gewisse Kreise in Waltrop hätten von dem Nazi-Schutzbunker gewusst. Beispielsweise habe auch die örtliche Polizei Zugang gehabt. „Der Waltroper Bevölkerung, so erinnert sich der Zeitzeuge, sei 1939/40 der Bau eines eigenen Schutz-Bunkers für die lokalen Nazi-Größen verheimlicht worden“, lautet es in einem Zeitungsartikel von 2015.

Zugang nur für Nazis und die Polizei

Anfang 2015 begannen die Arbeiten, in deren Zuge der ehemalige Nazi-Bunker „pulverisiert“ wurde – und zwar wortwörtlich. Der Abrissbagger war nämlich mit einem Spezial-Gerät ausgestattet, das man „XXL-Pulverisierer“ nannte. Damit konnte er selbst einen Meter dicken Beton zerstückeln. Damit, dass solch schwere Geräte nötig werden würden, hatte der Käufer des Grundstücks vorher nicht gerechnet. Denn: Bevor der Beton-Bunker bei den Bauarbeiten entdeckt wurde, hatte man dort nur einen leichten Sanitätsbunker vermutet (wie ja auch beim Bunker-Bau offiziell verlautet worden war). Über die Zahlung der Abrissarbeiten entbrannte daraufhin ein Konflikt zwischen dem neuen Grundstückseigentümer und der Stadt.

Eine überraschende Entdeckung

Dass es dort einen unterirdischen Bau gab, war durchaus bekannt. Nur ging man von einem mittlerweile maroden Sanitätsraum aus, den man im Volksmund „Erdbunker“ nannte. Dieser hätte üblicherweise aus gemauerten Wänden, einer Sohlplatte (15 cm) und einer Betondecke (etwa 35 cm) bestanden. Dass stattdessen eine massive Bunkeranlage aus Beton ans Licht gebracht wurde, war eine große Überraschung – und nicht im positiven Sinne. Die Aushub- und Abrisskosten waren vorher nämlich mit rund 50.000 Euro veranschlagt worden. Die stattdessen vorhandenen Betonwände mit bis zu 1,50 m Dicke zu entsorgen war natürlich ein deutlich kostspieligeres Unterfangen. So folgten einige Diskussionen über die Möglichkeiten (z.B. Sprengung, Zersägung oder Zersplitterung) und die Kostenteilung des Projekts.

Offenbar war aber auch tatsächlich eine Rettungsstelle, wie sie gemeldet war, vorhanden. Laut einer weiteren Zeitzeugin wurde sie wie gemeldet genutzt: Als Ergänzung zum Krankenhaus und vom Roten Kreuz. „Behandlungsräume, Operationssaal, Bettensäle. Alles war da unten eingerichtet“, erinnerte sich vor zwölf Jahren Elfriede Lorek. Sie war 1937 als 16-jährige lieber dem DRK als der NSDAP beigetreten und erhielt im sogenannten Bunker ihre Ausbildung zur Schwesternhelferin. Von einem echten Betonbunker neben der Rettungsstelle habe man jedoch anscheinend nicht gewusst.

Heute befindet sich an der Stelle an der Ecke Große-Geist-Straße / Hochstraße ein Wohnhaus mit Tiefgarage. © Elena Schulze Langenhorst © Elena Schulze Langenhorst

Unterirdische Partys in den Nachkriegsjahren

Auch in den Nachkriegsjahren wurde der „alte Bunker“ noch genutzt: Von Rock’n Rollern, die dort heimlich Partys feierten. Waltroperin Helga Rüssler erzählte vor einigen Jahren der Zeitung von Petticoat-Partys und Klammerblues in dem modrigen Gewölbe, das man den Erdbunker nannte. Irgendjemand habe einen Schlüssel gehabt und die Nachkriegsjugend tanzte zu Elvis und tauschte dort erste Küsse aus. „Da kannte man natürlich jede Ecke da unten“, schmunzelte Helga Rüssler. Aber von einem Eingang zu einem geheimen Beton-Bunker habe niemand gewusst.

An der Stelle, an der sich einst der geheimnisvolle Bunker befand, steht heute ein Wohnhaus. Die Bauarbeiten, bei denen er vorgefunden wurde, dienten dem Bau von drei Acht-Familien-Häusern mit Tiefgarage.

Zur Person

Der Zeitzeuge Dieter Vogelgesang

Dieter Vogelgesang war ein junger Mann in der Lehre, als er zufällig Wissen über den Bau des Nazi-Bunkers aufschnappte.

Mit 17 Jahren musste er 1942 seine Heimatstadt verlassen, um in einen schon verlorenen Krieg zu ziehen, berichtet 2015 die Zeitung. „Hitler hat auch mir eine Jugend gestohlen.“

Er war ein bekannter Kunstturner vom TV Einigkeit. Nach dem Krieg wurde er Sportlehrer auf der Zeche.

Der Abend in Oer-Erkenschwick

Täglich um 18:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.