Klassische Musik

Harfenistin Karlotta Haydn hat ein Konzertstipendium bekommen

Harfenistin Karlotta Haydn (20) blickt auf eine schwierige Zeit zurück: Keine Konzerte, keine Auftritte – coronabedingt. Ein Konzertstipendium macht der Waltroperin Hoffnung auf mehr Musik.
Unzertrennlich: Karlotta Haydn und ihre Harfe © Lara Witthaut

Vor einer Jury zu spielen – das ist für Karlotta Haydn nichts Neues. Schließlich spielt die Waltroperin Harfe seit sie acht Jahre alt ist, hat seitdem in zahlreichen Wettbewerben und Vorspielen mit ihrem Instrument Erfolge eingefahren. Und doch war dieses Vorspiel vor ein paar Wochen vor den Experten der „Werner-Richard-Dr. Carl Dörken-Stiftung“ etwas ganz Besonderes. Zum einen fand es intern, also unter Ausschluss der Öffentlichkeit, und unter Coronabedingungen statt. Zum anderen war es nach langer Zeit einer der ersten Auftritte vor, wenn auch kleinem, Fachpublikum für die 20-Jährige. „Ich war schon aufgeregt, weil über ein Jahr lang kein Konzert stattgefunden hat“, sagt Karlotta Haydn.

Stipendium bringt gut dotierte Konzerte mit sich

Das 15-minütige Vorspiel, also die Bewerbung für ein Konzertstipendium, hätte dann aber nicht besser laufen können: Die Jury war hin und weg von Karlottas Harfenspiel. Er könne ihr den ganzen Tag zuhören, meinte einer der Juroren. So flatterte einige Zeit später die Bestätigung in den Briefkasten: Die Waltroperin hat das Konzertstipendium in der Tasche. So ein Stipendium, das beinhaltet gut dotierte Konzerte, erklärt die junge Musikerin.

Doch um das Geld gehe es ihr dabei gar nicht, sagt Karlotta Haydn. Ihr geht es um die Musik. Darum, dass sie gespielt und gehört wird. „Schöne Musik zu zeigen, das ist mir das Wichtigste“, macht sie deutlich. Deshalb hat sie die Hoffnung, dass ihr das Stipendium, gepaart mit den Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen, künftig wieder mehr Konzerte ermöglicht.

Zeit ohne Auftritte war nicht einfach

Denn die Zeit im Lockdown, ganz ohne Auftritte, Konzerte und Wettbewerbe – sie war nicht einfach für Karlotta Haydn. Zehn bis 15 Konzerte pro Jahr plus Wettbewerbe und Folgeauftritte, das gehörte vor Corona zu ihrem ganz normalen Pensum. Und von jetzt auf gleich war das alles nicht mehr da. Natürlich seien die Corona-Schutzmaßnahmen richtig gewesen, betont die Waltroperin. Doch: Seiner Berufung nicht mehr nachgehen zu können, das sei schlimm für das Seelenheil eines jeden Künstlers. Zugleich weiß sie, dass es vielen Künstlern noch viel schlechter ergangen ist als ihr. Zum Beispiel denjenigen, die ihren Lebensunterhalt mit der Musik bestreiten. „Die Künstler wurden in der Krise total vergessen“, sagt sie.

„Musik lebt davon, gehört zu werden“

Ihr Musikstudium an der Folkwang Universität der Künste in Essen – Karlotta Haydn studiert dort seit 2019 Harfe im Hauptfach und Klavier im Nebenfach – lief zwar in der Krise weiter, zuletzt aber nur noch online. Für die Vollblutmusikerin ist das mit Livemusik nicht gleichzusetzen. „Online ist es immer gefiltert“, sagt sie. Der Klang, die Emotionen – das alles wirke am Bildschirm ganz anders. Umso mehr ist ihr daran gelegen, dass jetzt wieder allerorten mehr Musik in der Luft liegt, sie wieder mehr an die Menschen herangetragen wird. „Musik lebt davon, gehört zu werden. Es ist ihr Tod, wenn sie nicht gespielt wird“, sagt die Waltroperin.

Karlotta Haydn hat ein Stipendium bekommen. © Martin Pyplatz © Martin Pyplatz

Wer Karlotta Haydn schon einmal persönlich getroffen, oder sie spielen gehört hat, der weiß, dass das, was sie sagt, nicht einfach nur geflügelte Worte sind. Karlotta Haydn und ihre Harfe – das ist eine ganz besondere Beziehung, eine, die vielleicht nur Musiker nachempfinden können. Zwischen die junge Frau und ihr Instrument passt kein Blatt. Da ist es nicht verwunderlich, dass auch ihr Freund, mit dem sie zusammen in Essen wohnt, in ihrem Leben nur die „zweite Geige“ spielt, wie sie sagt. Er wisse, dass die Harfe für sie an erster Stelle stehe. Wenn Karlotta Haydn über ihr Instrument spricht, dann vergleicht sie es mit einer Freundin, einer Geliebten, einer Seelenverwandten, die immer da ist.

Persönliche Gedanken an das Instrument

Am Abend vor jedem Auftritt schreibt sie ihrer Harfe einen Brief, richtet persönliche Gedanken an das Instrument. Ein wichtiges Ritual für die Musikerin, das sie auch in Zukunft beibehalten werde. Ebenso wie die kleine Karte, die bei Auftritten stets auf ihrem Notenständer steht: „Ich werde bei dir bleiben, bis an das Ende aller Zeit“, ist darauf zu lesen. Worte, die die unendliche Beziehung zwischen ihr und der Harfe beschreiben sollen und die Karlotta Haydn beim Spielen in eine ganz besondere Stimmung bringen. Denn wenn sie die Finger auf die Saiten legt und spielt, dann legt sie ganz viel von sich in die Musik – vor allem Gefühl. Jedes Spiel, ein Kraftakt der Sinne für die Musikerin.

Ohne Gefühl funktioniert das Harfe-Spielen nicht

Wenn sie zum Beispiel die „Moldau“ spielt, ein Stück des tschechischen Komponisten Smetana, dann stelle sie sich den fließenden Fluss vor, wie es dort riecht, wie das Wetter dort ist, in welcher Stimmung die Menschen am Ufer sind, versucht sie zu beschreiben. Ohne Gefühl funktioniert das Harfe-Spielen nicht, weiß Karlotta Haydn. „Die Harfe berührt die Seele“, erklärt sie.

In ihrer Freizeit macht Karlotta Haydn übrigens das, was viele junge Erwachsene so machen: Sie geht gerne schwimmen, spazieren – und paukt für ihr Studium. Musiktheorie oder das Klavierspielen zum Beispiel. Das hat sie sich selbst beigebracht. Ein bisschen aus der Not heraus, weil sie es als zweites Studienfach braucht. Richtig dafür brennen tut sie aber nicht. Das Klavier ist mehr Stiefkind als Geliebte. Natürlich besucht die 20-Jährige auch gerne die Oper und Konzerte.

Die Harfe aus der staubigen Ecke herausholen

Dass sie eine Solo-Karriere als Harfenistin anstreben wird, das steht für Karlotta Haydn außer Frage – obwohl das etwas unüblich ist. Die Harfe sei ja eher Begleitinstrument im Orchester, weniger Hauptdarstellerin, sagen Kritiker. Findet Karlotta Haydn nicht.

Ihrer Meinung nach hat die Harfe völlig zu Unrecht ein eingestaubtes Image. Sie habe es nicht verdient, im Orchester am Rand zu stehen und auf ihre spärlichen Einsätze zu warten. Von vielen Komponisten sei das sperrige Instrument in der Orchestermusik wenig berücksichtigt worden.

Die junge Musikerin hat es sich zum Ziel gesetzt, die Harfe aus dieser Ecke, aus der Rolle der ewigen Nebendarstellerin, herauszuholen, sie zu spielen und möglichst viele Menschen damit zu berühren. „Geige kennt jeder. Aber viele wissen nicht einmal, wie eine Harfe klingt“, sagt Karlotta Haydn. Und es scheint, als sei es ihr Auftrag, das zu ändern.

Das Instrument der Engel

Die Harfe ist ein Saiteninstrument und wird gezupft. Die Konzertharfe als größte Vertreterin ihrer Art ist mit 175–190 cm Höhe und meist 34–42 kg Gewicht eines der größten und schwersten Orchesterinstrumente. Die Harfe ist eines der ältesten Musikinstrumente der Menschheit und kam bereits um etwa 3000 v. Chr. in Mesopotamien und Ägypten vor. Im Volksmund wird die Harfe häufig auch das Instrument der Engel genannt.

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