Elterntaxis

„Schulkind-Tourismus“ bleibt in Waltrop ein Dauer-Problem

Es ist nicht nur in Waltrop ein typisches Bild: Vor den Schultoren knubbeln sich die Elterntaxis. Was ist aus den Elternhaltestellen geworden, die einst hoffnungsfroh eingerichtet wurden?
Fiene aus der Klasse 1d ist das letzte Stück zu Fuß gelaufen und bekommt dafür von Katharina Pacher-Groß einen Stempel. © Tamina Forytta

Mit viel Tamtam sind sie im Mai 2019 eingeweiht worden, die Elternhaltestellen rund um die Waltroper Grundschulen. NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst kam extra nach Waltrop und eröffnete symbolisch die „Hol- und Bringzonen“. 40 Grundschüler hatten zudem einige Wochen zuvor einen Rap aufgenommen und auf CD gebrannt, in dem es hieß: „Elterntaxi? Was ist los? Das brauch ich nicht, ich bin schon groß!“ In wenigen Hundert Metern Entfernung der vier Grundschul-Standorte waren jeweils mit Farbe und Schildern Zonen markiert worden, in denen Elternautos halten und die Kinder dann das letzte Stück zur Schule zu Fuß gehen konnten.

Was ist gut zwei Jahre danach geblieben von dem ehrgeizigen Projekt? „Es funktioniert einfach nicht“ – darüber war sich auch der Schulausschuss einig, der das Thema noch einmal auf die Agenda genommen hatte.

Schulkinder-Tourismus dauert an

„Der Gedanke war gut, aber es ist nicht gelungen, den Schulkinder-Tourismus zu unterbinden“, fasste es Theo Hemmerde (CDU) zusammen. Heike Trümper, die Leiterin der Fachgruppe Schule, wusste noch von einer unschönen Randerscheinung zu berichten: Die Ordnungskräfte, die vor den Grundschulen zugegen sind, würden bisweilen von Eltern angepöbelt. Speziell in den ohnehin engen Straßen rund um die Galen-Schule, in deren Nachbarschaft auch die Realschule angesiedelt ist, sei der Hol- und Bringverkehr extrem stark, sagte Klaus Beie (SPD).

Zu Fuß zur Schule an der Lindgren-Schule

Was tun? An der Lindgren-Schule läuft diese Woche wieder die Aktion „Zu Fuß zur Schule“. „Aber man muss dranbleiben“, sagt auch Schulleiterin Ulrike Wesselbaum. Sie selbst stehe auch oft vor den Schultoren und kontrolliere das „Fahrgeschäft“, auch Ordnungskräfte seien immer mal wieder präsent. Für die Aktion „Zu Fuß zur Schule“ haben alle Kinder einen Zettel bekommen, auf dem sie Stempel sammeln – für jeden Tag, an dem sie zu Fuß, mit dem Roller oder mit dem Rad zur Schule gekommen sind. Auch die Kinder, die zwar mit dem Auto gebracht werden, aber das letzte Stück zu Fuß gehen, erhalten einen Stempel.

„Zu Fuß zur Schule“ – das gilt im Idealfall immer, in dieser Woche aber steht es im Mittelpunkt einer Stempelaktion an der Lindgren-Schule. © Tamina Forytta © Tamina Forytta

Eltern sind eingespannt, stehen mit Stempeln vor den Schultoren – so wie Katharina Pacher-Groß, die am Montagmorgen (4.10.) ab 7.30 Uhr am Eingang „Im Sauerfeld“ den Blick schweifen lässt: „Dir kann ich leider keinen Stempel geben, du bist ja mit dem Auto gebracht worden“, sagt sie zu einem Jungen. Einem Elternteil erklärt Katharina Pacher-Groß noch einmal, warum es keinen Stempel gibt, und erntet Stirnrunzeln.

„Bin ich zu streng?“, fragt sie in Richtung von Lehrerin Daniela Reher. Kopfschütteln. Ein anderer Vater ruft ihr ermutigend zu: „Sie machen das genau richtig!“ Tatsächlich sei genau das in der Besprechung zur Aktion „Zu Fuß zur Schule“ noch einmal ausdrücklich gesagt worden: dass eben nicht mehr zwei Augen zugedrückt werden. Wer von Mama oder Papa nur am gegenüberliegenden Kirch-Parkplatz rausgelassen wird, bei dem bleibt das Stempelfeld weiß.

Der Schulhof der Lindgren-Schule zwischen Taeglichsbeckstraße und „Im Sauerfeld“. © Tamina Forytta © Tamina Forytta

Schulleiterin Ulrike Wesselbaum weiß indes: In der Aktionswoche klappe das mit dem Laufen, Rollern oder Radeln zur Schule immer super. Danach aber… ein ewiges Thema. Immerhin keines, mit dem Waltrop allein dasteht: Bei einer Befragung, die der ADAC (Allgemeiner Deutscher Automobil-Club) vor einiger Zeit an 750 Grundschulen in NRW hat durchführen lassen, meldeten zwei Drittel zurück, dass „Elterntaxis“ ein Problem darstellten. Auch in dieser Untersuchung waren Elternhaltestellen ein Aspekt – und das Fazit: Nur mit diesen Hol- und Bringzonen ist es nicht getan, „altersangemessene Schulwege“ und „durch ein gutes pädagogisches Gesamtkonzept motivierte Kinder“ gehörten auch dazu.

Wer sich an der Lindgren-Schule – und auch zum Beispiel an der Francke-Schule an der Hafenstraße – umschaut, der machte vor allem diese Beobachtung: Der beste Motivator sind Kinder untereinander. Wo sie sich an den Ecken rund um die Schule treffen und grüppchenweise Richtung Bildungseinrichtung strömen, da sieht man munter plaudernde Kinder, die tatsächlich auch heute noch in den Song „Elterntaxi? Brauch ich nicht!“ einstimmen würden.

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