Was tun im Ernstfall? - mit Video

Sirenen, Notfall-Punkte und der „Faktor Mensch“

Alarmsirenen spielten bei der Warnung vor großen Gefahren schon fast keine Rolle mehr. Nicht erst nach der Ahr-Katastrophe stehen sie wieder im Fokus. Wie ist die Situation in Waltrop?
Dirk Hansen, stellvertretender Leiter der Feuer- und Rettungswache, zeigt auf den Notfall-Infopunkt der Wache an der Große-Geist-Straße. © Meike Holz

Seit der Hochwasserkatastrophe an der Ahr und in anderen Regionen wird viel darüber geredet: Sind die Alarmierungswege die richtigen? Gibt es ein „Zu viel“ an Alarmierung? Und welche Rolle spielt der „Faktor Mensch“? Der stellvertretende Wachleiter der Feuerwache Waltrop, Dirk Hansen, und sein Kollege Michael Böhlke, der sich unter anderem um vorbeugenden Brandschutz kümmert, können dazu eine Menge sagen.

Zunächst einmal die Fakten: Bisher gibt es in Waltrop sechs Sirenen-Standorte, ein weiterer, am Hebewerk, soll noch dazukommen, denn die anderen Sirenen erfassen diesen Bereich nicht. Er soll gemeinsam mit Castrop-Rauxel betrieben werden.

Bürger reagieren unterschiedlich

Was die verschiedenen Alarmtöne bedeuten, kann man überall nachlesen, unter anderem auf der Internet-Seite der Stadt Waltrop:

Es gibt den Sirenenton „Warnung“, eine Minute lang an- und abschwellend, der sich an die Bevölkerung wendet. Dann gibt es eine Minute Dauerton. Das bedeutet: Entwarnung! Und dann gibt es einen einminütigen Dauerton, der zweimal unterbrochen wird – der wendet sich nur an die Feuerwehr.

Nun müssen die Menschen „nur noch“ verinnerlichen, was die Töne bedeuten, und danach handeln. Und da gebe es Unterschiede, weiß man bei der Waltroper Feuerwehr: „Wer noch den Krieg erlebt hat, reagiert auf eine Sirene anders als ein jüngerer Mensch.“ Lange gab es ein flächendeckendes Sirenennetz des Bundes, das ursprünglich vor Luftangriffen warnen sollte. Nachdem der „Kalte Krieg“ vorbei war, wurden sie Ende der 1990er aufgegeben und den Kommunen zur Übernahme angeboten. Dass Waltrop noch Sirenen hatte, als sie als Warn-Mittel wiederentdeckt wurden, war wohl vor allem glückliche Fügung.

Inzwischen gibt es regelmäßige Probealarme, die Sirenen spielen eine wichtige Rolle im Warn-Konzept. Aber kann es in bestimmten Lagen trotzdem besser sein, auf den Sirenenalarm zu verzichten? Das Portal „t-online“ berichtet, dass in Rösrath im Rheinisch-Bergischen Kreis am Tag des Hochwassers bewusst kein Sirenenalarm ausgelöst wurde. Die Sprecherin des Kreises wird mit der Aussage zitiert: „Hätten wir die Sirenen ausgelöst, während in den Medien die Berichterstattung noch nicht breit lief, hätten alle Leute die 112 angerufen.“ Man könne den Sirenenalarm nur „Hand in Hand mit der Medienberichterstattung“ auslösen, sonst sorge der Alarm für Panik.

Sirenenalarm „ist nie kontraproduktiv“

Michael Böhlke von der Waltroper Feuerwehr hält solche Äußerungen eher für eine „Schutzbehauptung“. Er sagt: „Sirenenalarm kann nicht kontraproduktiv sein, sonst wäre er überflüssig.“ Eines stimmt aber natürlich auch: Wenn ein Warnton darauf aufmerksam macht, dass man die Medien für weitere Anweisungen verfolgen soll – das verbirgt sich ja auch hinter dem einminütigen Warn-Ton –, dann müssen den Medien die entsprechenden Informationen auch zu entnehmen sein. Neben unserem Medienhaus mit seinen Online-Kanälen, dem Fernsehen und Radio käme im Waltroper Fall auch die Facebook-Gruppe „Du bist Waltroper, wenn“ zum Tragen, die viele Mitglieder hat. Durchsagen über die Lautsprecher der Sirenen sind aktuell in Waltrop noch nicht möglich, aber mit Fahrzeugen kann die Feuerwehr natürlich durch die Stadt fahren und solche absetzen. Die Apps NINA und KatWarn verbreiten Warnungen vor Gefahren. Dazu nutzt die Feuerwehr auch die Push-Funktion der Waltrop-App für die Verbreitung aktueller Einsatz-Informationen bei größeren Schadenslagen.

Das Haus verlassen? Mancher tut sich damit schwer

Aber selbst wenn es an Warnungen nicht fehlt, gibt es noch den „Faktor Mensch“: Dirk Hansen weiß aus Erfahrung zum Beispiel mit Bombenentschärfungen, dass es nicht immer leicht ist, die Menschen zum Verlassen ihrer Häuser zu bewegen. Das sei einfacher, wenn man ihnen nicht einfach sage: „Sie müssen hier raus, irgendwo anders hin.“ Sondern es so kommunizieren könne: „Wir setzen Sie jetzt in den Bulli und fahren Sie zur Stadthalle. Da gibt es Verpflegung, und in diesem und jenem Zeitraum können Sie wieder zurück.“ Natürlich kann die Wehr nicht garantieren, dass das auch genauso kommt, denn wenn etwa eine Bombe ungünstig liegt oder es Probleme mit dem Zünder gibt, kann es auch mal länger dauern. Aber im ersten Moment vermittelt eine solche Auskunft die Sicherheit, die Menschen brauchen, um ihr Haus zu verlassen. An der Ahr war aber bekanntlich keine Zeit, eine solche Infrastruktur erst aufzubauen.

An Kitas und Schulen wurde trotz Corona geübt

Doch die Zeiten, in denen kein akuter Notfall herrscht, sollte man nutzen, um richtiges Verhalten im Fall der Fälle zu üben. Das gilt auch an Schulen und Kitas. „Einmal im Jahr gibt es dort Alarm- beziehungsweise Räum-Übungen. Und die haben trotz Corona auch stattgefunden“, sagt Michael Böhlke. Die Alarmierungstöne an den Schulen und Kitas können übrigens ganz unterschiedlich sein, mit dem Alarmtönen der Feuerwehr haben sie nichts zu tun. Die Feuerwehr empfiehlt, Sammelstellen an Orten einzurichten, mit denen die Kinder – zumal im Kita-Alter – sofort etwas anfangen können. Etwa: „an der großen Rutsche“.

Acht Notfall-Informationspunkte

Im Falle eines Hochwassers wie an der Ahr hätten auch sie nichts genutzt, denn sie wären natürlich auch überschwemmt worden. Doch in anderen Fällen könnten sie hilfreich sein. Die Rede ist von den NIPs, den Notfall-Informationspunkten, die vor einigen Jahren in den Städten des Kreises eingerichtet wurden. Das sind quasi dezentrale Mini-Wachen, von denen die Menschen auch dann Notrufe absetzen können, wenn Strom und Mobilfunk ausgefallen sind. Die Punkte werden von der Feuerwehr in Kooperation mit anderen Hilfs-Einrichtungen wie THW, DLRG und DRK besetzt. Dort kann man per Funk – oder, wo das aus technischen Gründen schwierig ist, per Satellitentelefon – Kontakt mit der Kreisleitstelle halten. Erkennbar sind die Infopunkte an den großen, roten Schildern mit der entsprechenden Aufschrift.

In Waltrop gibt es acht NIPs: an der Ausstellungshalle des WSA am neuen Hebewerk, an der Franckeschule an der Hafenstraße, an der Real-, der Gesamt- und der Lindgren-Schule II, an der St.-Marien-Kirche, an der Feuerwache und am Feuerwehr-Gerätehaus an der Lehmstraße. Die Feuerwehr hat sich Gedanken gemacht, wo die Standort-Info für die Bürger auch dann abrufbar ist, wenn elektronische Medien ausgefallen sind. „Wir sind auf den Abfallkalender gekommen“, sagt Dirk Hansen. Den haben viele Haushalte griffbereit, und dort sind nun die entsprechenden Infos nachzulesen.

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